Ein vergessener Präsident hat die USA erst zu dem gemacht, was sie heute sind: James Polk führt sein Land 1846 in einen kurzen, aber heftigen Krieg gegen Mexiko. Der Sieg bringt den USA reiche Beute – und hinterlässt ein schwieriges Erbe

Text: Ulf Schönert

Washington, Jefferson, Lincoln: Jedes Kind in den USA kennt die Namen der großen, frühen Staatsmänner des Landes. Fragt man aber nach James Polk, zucken selbst gebildetere Amerikaner mit den Schultern. James wer?

Wer war James Polk?

Polk war einer der erfolgreichsten Präsidenten der jungen USA. Ein gerissener Diplomat, ein skrupelloser Machtpolitiker und vor allem ein siegreicher Eroberer. Ohne Polk lägen die vermeintlich uramerikanischen Metropolen Los Angeles, Las Vegas und San Francisco heute womöglich in Mexiko. Denn er war es, der Texas, Kalifornien, Arizona, New Mexico, Utah und Nevada für die US-Amerikaner gewann. Hätte es Polk nicht gegeben, verliefe der Grenzzaun zwischen den USA und Mexiko heute nicht am Rio Grande, sondern fast 1000 Kilometer nördlich.

Foto (C): Library-of-Congress
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Der Eroberer Präsident James Polk (1795–1849) ist überzeugt davon, dass die USA einen göttlichen Auftrag haben, sich vom Atlantik bis zum Pazifik auszudehnen

Dass trotzdem nur wenige Amerikaner Polk heute noch kennen, mag daran liegen, dass der Präsident im Lauf seiner Karriere wenig Sympathiepunkte einsammelte. Seine Kontrahenten versuchte er zu kaufen, und wenn das nicht ging, drohte er mit Gewalt. Ob er dabei das Recht auf seiner Seite hatte, scherte ihn nicht besonders, solange er nur seine Ziele erreichte. Zu diesem Urteil kamen bereits Zeitgenossen wie der spätere Präsident Ulysses Grant. Der Mexikanisch-Amerikanische Krieg, den Polk 1846 begann, schrieb Grant, war „einer der ungerechtesten Kriege, die jemals ausgetragen wurden“.

Der Mexikanisch-Amerikanische Krieg, den Polk 1846 begann, war einer der ungerechtesten Kriege, die jemals ausgetragen wurden.

Ulysses S. Grant (1822-1885), 18. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika

Für Mexiko beginnt eine Talfahrt

Als in den 1840er-Jahren die Spannungen am Rio Grande eskalierten, standen sich Mexiko und die USA noch auf Augenhöhe gegenüber. Beide waren junge, unabhängige Staaten, die sich erfolgreich von ihren Mutterländern gelöst hatten: Mexiko von Spanien und die USA von England. Doch während die Vereinigten Staaten durch europäische Einwanderer und wirtschaftliche Erfolge immer stärker und mächtiger wurden, ging die Entwicklung in Mexiko in die entgegengesetzte Richtung. Politischer Streit und ständige Regierungswechsel lähmten das riesige Land. Und an den Rändern begann es zu bröckeln.

Die Provinzen im Norden Alta California, Texas und Nuevo México waren zu dem Zeitpunkt noch dünn besiedelt und wenig erschlossen, die Nord- und Ostgrenze kaum markiert. Zwar wuchs auch dort die Bevölkerung, doch waren die Neuankömmlinge meist keine Mexikaner, sondern Amerikaner. Protestanten statt Katholiken, die meist Englisch sprachen und nicht Spanisch.

Die Provinz Texas ist verloren

In Texas stellten die amerikanischen Siedler schon bald die Mehrheit der Einwohner. Der mexikanischen Regierung schmeckte das überhaupt nicht. Sie versuchte, die Immigration aus den USA zu stoppen, und verhängte außerdem ein Verbot der Sklaverei. Das sorgte für Ärger bei den Siedlern und Zulauf bei den Separatisten. Im Herbst 1835 kam es zu militärischem Widerstand gegen Mexiko.

Daraufhin rückte der mexikanische Präsident Santa Anna mit einer Armee in die aufrührerische Nordprovinz ein, wo er mit äußerster Brutalität gegen die Abtrünnigen vorging. Im März 1836 metzelten die Mexikaner die 200 Verteidiger des Forts Alamo grausam nieder (es gab keine Überlebenden). Doch schon einen Monat später begegneten die Separatisten der mexikanischen Armee erneut – und diesmal behielten sie die Oberhand.

Foto (C): Alamy-Stock-Photo
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Der Konflikt zwischen Mexiko und amerikanischen Siedlern entbrennt zuerst in Texas, das sich 1836 von Mexiko lossagt.

Texas wird unabhängig

Es gelang ihnen nicht nur, den Feind vernichtend zu schlagen, sie nahmen sogar den Präsidenten gefangen. Der sah nun keine andere Möglichkeit mehr, als die Unabhängigkeit der Republik Texas anzuerkennen. In Washington wurde diese Entwicklung zunächst begrüßt. Doch die Regierung zögerte, den Staat in die USA aufzunehmen.

Das änderte sich erst neun Jahre später, als James Polk zum Präsidenten gewählt wurde, ein klarer Anhänger der Annexion. Er stammte aus einer Familie von Südstaatenfarmern, deren Wohlstand auf eigenem Fleiß, aber auch auf Sklavenarbeit beruhte. 1844 kandidierte er mit einem eindeutigen Programm für das Präsidentenamt: Er wollte die USA größer machen.

„Manifest Destiny“ – Die USA sollte größer werden

Wie viele seiner Zeitgenossen glaubte Polk an die Idee des „Manifest Destiny“. Diesen Begriff, den man mit „offenkundigem Schicksal“ übersetzen kann, hatte der Journalist John O’Sullivan geprägt. Er steht für eine Art Sendungsbewusstsein, das viele Amerikaner bis heute empfinden: dass die USA zu etwas Großem bestimmt seien. In diesem Fall bedeutete das konkret: Nordamerika von Küste zu Küste zu beherrschen, vom Atlantik bis zum Pazifik.

Der Weg dahin war lang. Zum Zeitpunkt ihrer Gründung waren die USA nicht mehr als ein schmaler Küstenstreifen an der Ostküste. Erst in den darauffolgenden Jahrzehnten breiteten sie sich immer weiter nach Westen aus. 1803 kauften sie dem französischen Ersten Konsul Napoleon Bonaparte das riesige Gebiet Louisiana ab, das vom Golf von Mexiko bis ins heutige Kanada reichte.

Doch der Landhunger der Expansionisten war dadurch noch lange nicht gestillt. Als Nächstes wandten sie sich dem Oregon-Territorium zu, einem riesigen Gebiet im Nordwesten, bis dahin in der Hand der Engländer. Nach zähen Verhandlungen einigten sie sich auf eine Teilung. Die heutigen Bundesstaaten Washington und Oregon fielen an die USA, die damit das Ziel des „Manifest Destiny“, die Ausbreitung von Ozean zu Ozean, erreicht hatten. Die Expansionisten schielten da aber bereits auf Kalifornien und Texas. Der Hauptgegner war nun Mexiko.

Mexiko lässt nicht mit sich verhandeln, Teil der USA zu werden

Der große Konflikt ließ aber erst mal auf sich warten. Denn die gemäßigten Politiker in Washington wussten, dass der südliche Nachbar das Land nicht freiwillig herausrücken würde. Außerdem lag schon damals die Auseinandersetzung zwischen dem liberalen Norden und den sklavenhaltenden Südstaatlern in der Luft, die schließlich in den Bürgerkrieg münden sollte. Durch eine Annexion weiterer Gebiete fürchteten die Nordstaatler eine Ausweitung der Sklaverei und damit auch eine Stärkung der Sklavenhalter. Mehrfach schlug der Kongress deshalb die Bitte des unabhängigen Texas aus, Teil der USA zu werden.

Mit Polk als Präsidenten ging dann aber alles ganz schnell. Zunächst sorgte er dafür, dass Texas annektiert und offiziell zum Bundesstaat der USA erklärt wurde. Dann sandte er einen Unterhändler nach Mexiko mit dem Ziel, das Gebiet westlich von Texas bis zum Pazifik zu kaufen. 30 Millionen Dollar bot er an.

Das Scharmützel vom Rio Grande

In Mexiko aber weigerte man sich, auch nur zu verhandeln. Nach dem schmählichen Verlust von Texas hielt die Regierung an den verbliebenen Nordprovinzen umso energischer fest. Präsident Polk aber ließ sich nicht beirren. Er setzte nun auf Gewalt. Dabei spielte ihm in die Hände, dass die Grenze zwischen Mexiko und Texas nie exakt festgelegt worden war. Die einen sahen ihren Verlauf am Rio Grande, andere weiter nördlich am Rio Nueces. Genau in dieses umstrittene Gebiet zwischen den Flüssen sandte Polk nun eine kleine Streitmacht. Im März 1846 erreichte sie den Rio Grande.

Die Mexikaner hatten den Vorstoß der Amerikaner zwar bemerkt und auch Truppen losgeschickt, verhielten sich zunächst aber defensiv. Erst als sich die US-Amerikaner quasi bis auf Sichtweite genähert hatten, kam es zu einem ersten Zusammenstoß. Die Mexikaner sandten einen Trupp über den Rio Grande, wo sie einen Erkundungstrupp von 80 US-Soldaten in einen Hinterhalt lockten. Elf Amerikaner wurden getötet, sechs weitere verwundet, der Rest gefangen genommen.

Der Befehlshaber der Mexikaner ließ die Verwundeten frei und schickte sie zu ihrer Einheit zurück – mit der erneuten Aufforderung, die Region zu verlassen. Doch die Amerikaner dachten gar nicht daran. Sie verschanzten sich in einem Fort und sandten einen Bericht nach Washington.

Für die dortigen Hardliner war das Scharmützel vom Rio Grande das Beste, was ihnen passieren konnte. „Mexiko hat unsere Grenze überquert, ist in unser Gebiet eingefallen und hat amerikanisches Blut auf amerikanischem Boden vergossen“, erklärte Präsident Polk voller Pathos am 11. Mai 1846 in einer Nachricht an den US-Kongress. Die Kriegserklärung, die er dort mühevoll hätte durchsetzen müssen, brauchte er nun nicht mehr. Die Mexikaner hatten ja angegriffen! Zwar gab es noch immer mäßigende Stimmen, zu denen auch ein 37 Jahre alter Nachwuchsabgeordneter aus Illinois namens Abraham Lincoln gehörte. Im Repräsentantenhaus ging er den Präsidenten direkt an, fragte ihn, wo genau denn das Blut auf amerikanischem Boden vergossen worden sein solle. In den Kirchen wandten sich Prediger gegen den Eroberungskrieg und die damit verbundene Ausweitung der Sklaverei.

Aber ihre Kritik verhallte. Ohne zu zögern schickte Polk alle verfügbaren Kräfte in den Süden. Noch im Mai kam es zu ersten größeren Gefechten, bei denen die schlecht ausgerüsteten und wenig motivierten Mexikaner vernichtend geschlagen wurden. Stadt um Stadt nahmen die US-Truppen ein und standen schon nach kurzer Zeit tief in mexikanischem Gebiet. Längst ging es nicht mehr nur um die Sicherung der umstrittenen Grenzregion. Selbst übers Meer schickte Polk nun Truppen gegen Mexiko los. Sie landeten an den Küsten des mexikanischen Kernlands, sowohl im Westen wie im Osten. Die Mexikaner sahen sich nun einem Vielfrontenkrieg ausgesetzt, dem sie nicht gewachsen waren.

Die Bären-Flaggen-Revolte

In Kalifornien erhoben sich zudem pro-amerikanische Separatisten gegen die mexikanische Regierung. Die später so genannte Bären-Flaggen-Revolte war bereits vor Beginn der Feindseligkeiten am Rio Grande ausgebrochen. Zunächst strebte sie ein unabhängiges Kalifornien an. Doch spätestens mit der Ankunft einer US-Flotte in der Küstenstadt Monterey setzten sich die Separatisten durch, die einen Anschluss an die USA erreichen wollten.

Die Schlacht um Mexiko nimmt ihren Lauf und die Hauptstadt fällt

Ohne anzuhalten rückten die US-Truppen weiter vor. Sie eroberten San Diego, El Paso und San Francisco. Dabei gingen sie zum Teil mit äußerster Härte vor. Grausam nahmen sie beispielsweise Rache an Deserteuren. Vor allem Einwanderer aus katholischen Ländern wie Polen, Schottland und Irland liefen in großer Zahl auf die mexikanische Seite über. Manche aus Überzeugung, manche, weil sie sich von den Mexikanern mit Geld und Versprechungen auf Grundbesitz locken ließen.

Foto (C): akg-images
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Invasion: Im März 1847 landet eine US-Armee an der mexikanischen Küste und erobert die Stadt Veracruz

Als das Saint Patrick’s Battalion, das für die Mexikaner kämpfte, im Sommer 1847 in der Schlacht von Churubusco geschlagen wurde, gerieten mehr als 80 Kämpfer in die Hände der US-Truppen. 50 von ihnen wurden gehängt, anderen zum „Branding“ verurteilt. Dabei wurde ihnen ein großes D wie „Deserteur“ auf die Brust gebrannt. Dieses Schicksal ereilte auch ihren Anführer John Riley, der in Irland und Mexiko noch heute verehrt wird.

Im September 1847 fiel nach heftigen Gefechten die Hauptstadt Mexiko-Stadt. Der Krieg war entschieden. Die Amerikaner herrschten nun von Ozean zu Ozean.

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Erstürmt: Die Festung Chapultepec ist das letzte Hindernis auf dem Weg nach Mexiko-Stadt

Der Vertrag von Guadalupe Hidalgo legt die neuen Grenzen fest

Eine Welle des Patriotismus erfasste die USA. Der Herrschaftsbereich der Vereinigten Staaten war jetzt zehnmal so groß wie England und Frankreich zusammengenommen, so groß wie das antike Römische Weltreich! Doch auch die Kritiker des Krieges waren nie verstummt. Anhänger und Gegner gingen zuweilen handgreiflich aufeinander los, sogar die Abgeordneten im Kongress.

Am 21. Februar 1848, dem Tag, an dem Präsident Polk der Friedensvertrag überbracht wurde, wandte sich der Abgeordnete und ehemalige Präsident John Quincy Adams im Repräsentantenhaus noch einmal leidenschaftlich gegen die Ehrung von Offizieren, die im Krieg gegen Mexiko gekämpft hatten. Es war seine letzte politische Äußerung überhaupt. In der gleichen Sitzung brach er mit einem Schlaganfall zusammen. Zwei Tage später war er tot.

Kurz zuvor hatten die mexikanischen Vertreter auf dem Altar der dortigen Kathedrale den Vertrag von Guadalupe Hidalgo unterschreiben müssen. Er sah vor, dass die Mexikaner den Rio Grande als Grenze akzeptieren mussten. Sie mussten fast die Hälfte ihres Territoriums abtreten. Immerhin erreichten die Unterhändler, dass die Amerikaner sie mit 15 Millionen Dollar entschädigen mussten. Und immerhin wurden sie nicht ganz geschluckt – was einige US-Politiker, „All-of-Mexico-Movement“ genannt, ernsthaft forderten. Was die Mexikaner nicht wussten: Quasi zeitgleich mit der Unterzeichnung des Vertrags von Guadalupe Hidalgo entdeckte der Arbeiter James Marshall auf einer kalifornischen Ranch ein Goldnugget. Rasch verbreitete sich die Nachricht im ganzen Land. Der große Goldrausch brach los. Hunderttausende strömten nun nach Kalifornien und nahmen es dadurch quasi nebenbei endgültig für die USA in Besitz.

Am 9. September 1850 wurde Kalifornien als 31. Bundesstaat in die Union aufgenommen. Und auch das Machtgefälle zwischen Mexiko und den USA hatte sich damit endgültig verfestigt. Sicherlich nicht wenige Mexikaner hätten es im Lauf der Zeit begrüßt, sich die verlorenen Gebiete wieder anzueignen. Doch selbst 1917, als deutsche Diplomaten sie mit einer Rückgabe der verlorenen Gebiete zum Eintritt in den Ersten Weltkrieg locken wollten, entschieden sich ihre politischen Führer dagegen. Mexiko blieb neutral.

1853 verschob sich die Grenze zwischen beiden Staaten ein letztes Mal – auf friedliche Weise. Die USA kauften 77 700 Quadratkilometer von Mexiko für den Bau einer Eisenbahnlinie. Damit war die Expansion abgeschlossen.

Ein Bürgerkrieg bricht aus

Derweil geschah in Washington genau das, wovor die Gegner des Krieges immer gewarnt hatten: Die Spannungen zwischen den nördlichen und den südlichen Bundesstaaten nahmen immer weiter zu. „Mexiko wird uns vergiften“, hatte der Schriftsteller Ralph Waldo Emerson einst prophezeit. Und tatsächlich spaltete der Streit um die Frage, ob die Sklaverei auch auf die eroberten Gebiete ausgeweitet werden sollte, das Land.

Mexiko wird uns vergiften!

Ralph Waldo Emerson (1803-1882), US-amerikanischer Schriftsteller

Als 1860 der vormalige Kriegsgegner Abraham Lincoln zum US-Präsidenten gewählt wurde, erklärten die sklavenhaltenden Südstaaten den Austritt aus den USA. Der Bürgerkrieg brach los. Nun fanden sich viele von denen, die gegen Mexiko noch gemeinsam gekämpft hatten, darunter Robert E. Lee und Ulysses Grant, auf unterschiedlichen Seiten der Front wieder.

Präsident Polk, der nur vier Jahre im Amt war, erlebte das schon gar nicht mehr. Er starb 1849 kurz nach Beendigung seiner Amtszeit. Als wäre mit der Erreichung all seiner Ziele sein Leben sinnlos geworden.

Dieser Artikel ist in P.M. History Ausgabe 9/2020 erschienen.

Warum sagen wir: "Übers Ohr hauen"?

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