Der Erste Weltkrieg stellt den britischen König Georg V. vor ein Dilemma – denn er hat deutsche Wurzeln. Um die Krone zu retten, gibt er seiner Familie 1917 einen neuen Namen: Windsor

Text: Joachim Telgenbüscher

Es ist der schlimmste Krieg, den die Briten bislang erleben mussten, und der Feind lauert überall. Auch in der Heimat. Davon sind die Untertanen Seiner Majestät Georg V. überzeugt, und deshalb machen sie Jagd auf deutsche Agenten, die angeblich in Scharen auf der Insel ihr Unwesen treiben.

Die Paranoia packt sie schon kurz nach dem Kriegsausbruch im August 1914. Allein in London verfolgt die Polizei rund 1000 Hinweise pro Tag. Obwohl kaum deutsche Spione in Großbritannien aktiv sind, sehen die Bürger die Hand des Kaisers überall am Werk. Wie besessen verschlingen sie Bücher über die vermeintlichen Machenschaften des deutschen Geheimdienstes, über Saboteure, Spitzel und andere Schergen. Genährt wird ihr Hass durch die Schreckensnachrichten von der Front. Dort haben die Deutschen auf ihrem Vormarsch in Belgien mehrfach Zivilisten hingerichtet und sich so aus Sicht ihrer Gegner einen finsteren Spitznamen verdient: die Hunnen.

Mit der Versenkung der „RMS Lusitania“ erreichte die Deutschlandfeindlichkeit 1915 ihren Höhepunkt

Als dann im Mai 1915 ein U-Boot der kaiserlichen Marine den britischen Passagierdampfer „RMS Lusitania“ vor der irischen Küste versenkt und rund 1200 Menschen in den Tod schickt, erreicht die Deutschenfeindlichkeit ihren Höhepunkt. Vor allem die Presse legt nun alle Zurückhaltung ab: „Ich rufe zu einer Vendetta auf“, schreibt etwa Horatio Bottomley, der Chefredakteur des Massenblatts „John Bull“. Zu „einer Blutfehde gegen jeden Deutschen in Großbritannien, ob eingebürgert oder nicht“. Tausende „dieser Wilden“ hielten sich im Land auf.

Tatsächlich stellen die rund 60 000 Deutschen die zweitgrößte nationale Minderheit im Königreich. Niemandem von ihnen, fordert Bottomley, solle es länger gestattet sein, in England zu leben. „Kein Laden, keine Fabrik, kein Büro, kein Beruf“ dürfe ihnen offenstehen. Die „moralische Lepra des Stammes“, zu dem sie gehörten, müsse allen vor Augen geführt werden.

Es bleibt nicht bei Worten: Im ganzen Land kommt es in diesen Maitagen 1915 zu Ausschreitungen. In London allein werden 2000 Häuser beschädigt, der Mob plündert 150 deutsche Bäckereien und hinterlässt dort ein mehlbestäubtes Chaos. Vielerorts werden Deutsche durch die Straßen gejagt, verspottet und verprügelt. Manchen reißt die Menge sogar die Kleidung vom Leib oder versucht, sie in Pferdetrögen zu ertränken.

Foto (C): dpa picture-alliance
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Antideutsche Krawalle 1915 in London

Die Opfer der Gewalt sind Kellner, und Friseure, Fleischer, Ärzte und Banker. Es sind Familien, die ihre deutsche Heimat oft schon vor Jahrzehnten verlassen haben, um sich in England ein besseres Leben aufzubauen.

Die deutschen Wurzeln der Royals

Es sind Familien wie die Royals. Denn, nüchtern betrachtet, sind König Georg V. und sein Clan nur die erfolgreichsten Migranten von allen. Seit der Heirat zwischen Königin Viktoria und dem deutschen Prinzen Albert im Jahr 1840 trägt die britische Dynastie dessen Nachnamen: Sachsen-Coburg und Gotha.

Doch ihre deutschen Wurzeln reichen noch viel tiefer. Als die königliche Linie im frühen 18. Jahrhundert zu erlöschen drohte, hatten die Briten nämlich kurzerhand einen protestantischen Verwandten importiert: Georg, den Kurfürsten von Hannover. Seine Nachfahren wurden zwar mit der Zeit auf der Insel heimisch, holten sich ihre Gattinnen aber weiterhin aus Deutschland. Im Gegenzug wurden die Töchter aus dem englischen Königshaus mit Adligen vom Kontinent verheiratet.

Die Folge: In den letzten Friedensjahren vor dem Ersten Weltkrieg ist der Stammbaum der britischen Royals längst untrennbar mit den anderen europäischen Herrscherhäusern verwoben.

Foto (C): United-Archives-Internationalimago
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Zu Besuch bei seinem Cousin Wilhelm II. (l.) trägt Georg V. 1913 eine deutsche Uniform mit Pickelhaube

Der deutsche Kaiser Wilhelm II. etwa ist ein Enkelkind von Königin Viktoria, seine Schwester Sophie, die Königin der Hellenen, ebenfalls. Und Alix von Hessen-Darmstadt, die Cousine von Georg V., einem weiteren Enkel Viktorias, hat den jungen russischen Zaren Nikolaus II. geheiratet.

Der Weltkrieg macht aus Familienmitgliedern Kriegsgegner

Die adlige Verwandtschaft kennt sich gut, man trifft sich regelmäßig auf Beerdigungen, Hochzeiten und Segelregatten. Den Weltkrieg, der für die gekrönten Häupter einem Familiendrama gleichkommt, kann die persönliche Nähe zwischen ihnen aber nicht verhindern. Die Cousins kämpfen nun gegeneinander. Auf der einen Seite der deutsche Kaiser Wilhelm II., auf der anderen Zar Nikolaus II. und König Georg V.

Foto (C): ddp images
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Während des Ersten Weltkriegs tobt in Frankreich ein blutiger Stellungskrieg. Im Sommer 1916 starten die Briten an der Somme eine große Offensive, um die deutschen Linien zu durchbrechen. Sie endet im Desaster: Schon am ersten Tag sterben fast 20000 Männer. Im November wird die Attacke abgebrochen. König Georg V. hat mehr als 400000 Soldaten verloren – für nichts

Für den britischen Monarchen ist der Konflikt „eine schreckliche Katastrophe“, aber „nicht unsere Schuld“. Als Zeichen der Solidarität mit seinen Soldaten verzichtet er auf Alkohol, üppige Mahlzeiten und das prunkvolle Hofzeremoniell. Die immer stärker werdende antideutsche Stimmung in seinem Empire kann er dadurch freilich nicht beschwichtigen.

Eines ihrer ersten Opfer ist der Chef der Royal Navy, Prinz Ludwig von Battenberg. Der gebürtige Österreicher stammt aus einer Nebenlinie des hessischen Herrscherhauses und ist bereits seit seinem 14. Lebensjahr ein britischer Untertan. An der Loyalität des „First Sea Lord“ kann kein Zweifel bestehen, dennoch starten Journalisten eine Kampagne gegen ihn. Ihm fehle angeblich die „eifrige Feindschaft gegen die Deutschen“, die es nun brauche. Im Herbst 1914 tritt Battenberg zurück.

Foto (C): Interfoto
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Ludwig von Battenberg wird 1914 Opfer der antideutschen Stimmung und tritt zurück

Ich bin vielleicht langweilig, aber ich bin verflucht noch mal kein Ausländer.

König Georg V. (1865-1936), König des Vereinigten Königreichs von Großbritannien und Irland

Und auch der König selbst sieht sich jetzt immer häufiger Kritik ausgesetzt. Muss nicht ein Monarch, der einen deutschen Namen trägt, auch unweigerlich Sympathien für die Deutschen hegen? Als der Vorwurf laut wird, er herrsche über einen „ausländischen und langweiligen Hof“, weist Georg diesen schroff zurück: „Ich bin vielleicht langweilig, aber ich bin verflucht noch mal kein Ausländer.“

Seine Majestät hat recht. Einen britischeren König als ihn hat das Inselreich lange nicht gehabt. Nicht genug, dass Georg V. als erster Herrscher seit den 1830er-Jahren Englisch ohne Akzent spricht (Deutsch hält er hingegen für eine „scheußliche Sprache“). Er hat auch eine beeindruckende Karriere in der Royal Navy durchlaufen, der vielleicht wichtigsten nationalen Institution. Bevor ihn die Pflicht als Thronfolger rief, hatte Georg sich vom Marinekadetten bis zum Kapitän eines Panzerkreuzers hochgedient. Kein anderer König hat je so viele Gegenden des Empires mit eigenen Augen gesehen.

Georg – Der Meister der „stiff upper lip“, aber nicht der Hellste

Vor allem aber ist Georg ein Meister der „stiff upper lip“ (wörtlich: „steife Oberlippe“) – jener legendären Mischung aus Hartnäckigkeit und Selbstkontrolle, die die Briten so lieben. Das Motto des Monarchen: „Seemänner lächeln nicht im Dienst.“

Diszipliniert und eisern widmet er sich seinen Pflichten ebenso wie seinen Hobbys, zu denen die Jagd, das Segeln und das Briefmarkensammeln gehören. Aus der Wissenschaft und den schönen Künsten macht er sich nichts. „Leute, die Bücher schreiben, sollte man erschießen“, soll er einmal gesagt haben. Der Schatzkanzler und spätere Premierminister David Lloyd George beschreibt den König nach einem Besuch einmal als einen netten Kerl, der „aber Gott sei Dank nicht viel in seinem Kopf“ habe.

Je länger der Krieg dauert, desto größer wird der Druck, der auf Georg lastet. Im dritten Kriegsfrühling ist immer noch kein Sieg in Sicht – im Gegenteil. Die Deutschen haben mittlerweile den uneingeschränkten U-Boot-Krieg ausgerufen, um die Insel auszuhungern. Und sie scheinen Erfolg damit zu haben: Im Frühling 1917 versenkt die kaiserliche Flotte im Schnitt 13 Schiffe pro Tag. Wenn es so weitergeht, das wissen die Briten, dann droht ihnen die Niederlage.

Die Angst um die Krone

Gewiss, es gibt auch Anlass zur Hoffnung, wie etwa die Kriegserklärung der USA im April 1917, doch dafür wackelt der Verbündete im Osten. In Russland haben kurz zuvor Revolutionäre den Zaren Nikolaus II. zur Abdankung gezwungen. Georgs Angst, seine eigene Krone zu verlieren, ist nun sogar so groß, dass er sich weigert, seinem gestürzten Cousin Asyl zu gewähren. Er will die Arbeiterschaft nicht provozieren. Seine Sorge ist durchaus berechtigt, denn immer wieder erschüttern Streiks die Fabriken des Königreichs.

Da erscheint am 21. April in der „Times“ ein Brief des bekannten Schriftstellers H. G. Wells, der die Furcht des Monarchen noch verstärkt. Darin fordert Wells „die denkenden Menschen in der britischen Gesellschaft“ dazu auf, „eindeutige Schritte“ zu ergreifen, um der Welt zu zeigen, „dass unser Geist gänzlich gegen das dynastische System ist, das den Geist der Menschheit so lange entzweit und verbittert hat“. Das Massenblatt „John Bull“ druckt eine noch drastischere Warnung: „Völker sind besser als Könige; die Demokratie ist größer als jede Dynastie.“

Am peinlichsten aber: Ab dem Frühjahr 1917 tauchen immer wieder deutsche Bomber über London auf und versetzen die Bevölkerung in Schrecken. Ihren Namen – „Gotha“ – teilen sich die todbringenden Flugzeuge ausgerechnet mit der königlichen Familie (Sie werden in der thüringischen Stadt hergestellt, die einst zum Stammland der Dynastie gehörte). Nach einem besonders heftigen Angriff im Juli 1917, bei dem 57 Menschen ums Leben gekommen sind, zieht erneut ein wütender Mob durch die englische Hauptstadt, zertrümmert deutsche Fleischerläden und Bäckereien. Die Zeit ist gekommen, um mit dem fremden Erbe zu brechen und sich einen neuen Namen zuzulegen.

Ein Namenswechsel als genialer Schachzug

Aber wie soll die Familie künftig heißen? Eine Lösung, die von den Experten im königlichen Heroldsamt in Betracht gezogen wird, ist es, den Titel einer erloschenen Dynastie wiederzubeleben. Wie wäre es mit den Plantagenets, die England bis in die frühe Neuzeit beherrschten? Zu glücklos. Die Tudors um den mörderischen Heinrich VIII.? Zu brutal. Die Stuarts, die im 17. Jahrhundert gleich zweimal vom Thron vertrieben wurden? Zu inkompetent. Sogar das wenig einfallsreiche „England“ steht kurzzeitig als neuer Familienname zur Diskussion. Am Ende kommt dem Privatsekretär des Königs, Lord Stamfordham, doch noch die rettende Idee. Er schlägt „Windsor“ vor – nach jenem imposanten Schloss, das etwa 35 Kilometer westlich von London über der Themse thront.

Der Namenswechsel ist ein Geniestreich: Er lässt vieles beim Alten und verändert doch alles. Er ist, um einen Begriff des modernen Marketing zu verwenden, ein perfektes „Rebranding“: Das Produkt bleibt dasselbe, aber es wird mit neuen, positiveren Assoziationen aufgeladen.

Haus und Familie Windsor wurden am 17. Juli 1917 „geboren“

Schloss Windsor mit seinem gewaltigen Rundturm steht nicht nur für eine wehrhafte Monarchie, es ist auch ein Monument urbritischer Traditionen. Anders als der muffige Buckingham Palace, der erst unter Königin Viktoria zur offiziellen Residenz erhoben wurde, ist Windsor schon seit Jahrhunderten mit der Krone verbunden. Begonnen von Wilhelm dem Eroberer im 11. Jahrhundert, wurde das Schloss von dessen Nachfolgern immer weiter ausgebaut. Jeder Herrscher hat hier zumindest zeitweise residiert. Und im Park liegt Königin Viktoria begraben.

Foto (C): bpk
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Kein anderes Schloss im Königreich ist enger mit der britischen Geschichte verbunden als Windsor Castle westlich von London

Am 17. Juli 1917 wird es verkündet: „Kraft Unseres Königlichen Willens und Unserer Königlichen Autorität erklären Wir hiermit, dass Unser Haus und Unsere Familie fortan als Haus und Familie Windsor bekannt sein sollen. Außerdem verkünden Wir, dass Wir, Unsere Nachkommen sowie alle Nachkommen Unserer Großmutter Viktoria, die Untertanen dieses Reiches sind, darauf verzichten, Ränge, Titel, Würden und Auszeichnungen der Herzöge und Herzoginnen von Sachsen und der Fürsten und Fürstinnen von Sachsen-Coburg und Gotha zu führen. Das Gleiche gilt für alle anderen deutschen Ränge, Titel und Auszeichnungen. Gott schütze den König.“

Auch die anderen Familien, die noch deutsche Titel tragen, benennen sich nun rasch um: Aus dem Herzog von Teck, dem Bruder von Georgs Ehefrau Maria, wird der Marquess of Cambridge, und Prinz Ludwig von Battenberg, den die Deutschenfeindlichkeit im Herbst 1914 sein Amt gekostet hatte, anglisiert seinen Namen zu „Mountbatten“ (sein Enkel Philip wird 1947 die zukünftige Königin Elisabeth II. heiraten).

Die Monarchie wird neu erfunden und die Krone ist gerettet

Die Briten sind begeistert. „Eine bessere Wahl hätte nicht getroffen werden können“, schreibt die „Times“. Tatsächlich verschwindet die Kritik an den Royals praktisch über Nacht. Nur in Deutschland spottet man über den Schritt. Ob man jetzt etwa das Shakespeare-Stück „Die lustigen Weiber von Windsor“ in die „Die lustigen Weiber von Sachsen-Coburg und Gotha“ umbenennen müsse, scherzt Kaiser Wilhelm II. Und ein bayerischer Adliger beschwört gar den Tod der „königlichen Tradition“, weil Georg „nur wegen eines Krieges“ seinen Namen geändert habe.

Doch der Brite hat Gespür für die öffentliche Meinung bewiesen. Sein Plan geht auf. Ein gutes Jahr später ist der Moment des Sieges gekommen. Am 11. November 1918, als die Waffen endlich schweigen, notiert Georg im Tagebuch: „Heute war wirklich ein besonderer Tag, der größte in der Geschichte unseres Landes.“ Angeblich, so heißt es, feiert er den Erfolg mit einer Flasche Brandy, die einst Georg IV. am Tag des Triumphs bei Waterloo hatte verschließen lassen.

Vier Kaiser hatten im August 1914 ihre Truppen ins Feld geschickt: Wilhelm II., Nikolaus II., Franz Joseph von Österreich und Georg V. (zugleich auch Kaiser von Indien). Vier Jahre später hat der Brite als Einziger seine Krone behalten. Mehr noch: Unter ihm erreicht das Empire seine größte Ausdehnung. Als im Januar 1936 die Herrschaft des Königs nach einem Vierteljahrhundert zu Ende geht, versammelt sich die Familie um sein Krankenlager. Der Arzt gibt dem 70-Jährigen eine Morphin-Injektion, um den Tod zu beschleunigen – angeblich, damit die Nachricht in den Morgenausgaben der Zeitungen erscheint und nicht erst in den weniger renommierten Abendblättern.

Glaubt man dem Premierminister Stanley Baldwin, dann war die letzte Äußerung Georgs eine Frage: „Wie geht es dem Empire?“ Die Antwort darauf lautet: dank ihm gut. Denn Georg hat die Monarchie in einer dunklen Stunde neu erfunden, die Verbindungen zu den adligen Häusern des Kontinents gekappt und die Krone dadurch gerettet.

Der Text ist in P.M. History Ausgabe 06/2018 erschienen.

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