Weil Preußen und die Niederlande sich nicht einigen können, wird 1816 ein winziger Landstrich zum politischen Provisorium– ein Paradies für Schmuggler, Glücksritter und den Traum von einer besseren Welt

Text: Fabrice Braun

Sie kommen aus Belgien, Deutschland und den Niederlanden, einige auch aus Frankreich und Spanien. Trotzdem haben sie keine Probleme, sich zu unterhalten: Fast alle sprechen Esperanto – die neue Kunstsprache, die es Menschen aus der ganzen Welt ermöglichen soll, sich zu verständigen. Selbst die Kellner haben ein paar Brocken gelernt, um Bestellungen entgegennehmen zu können.

Esperanto ist es auch, das die bunte Gesellschaft hier zusammengebracht hat. Denn dieser 13. August 1908 soll ein besonderer Tag werden in Neutral-Moresnet, jenem gerade mal 3,4 Quadratkilometer großen Landstrich zwischen Belgien und dem Deutschen Reich: Die festliche Gesellschaft hat sich im Hotel „Bergerhoff“ eingefunden, dem besten Haus am Platz in Altenberg oder Kelmis, wie die Niederländer sagen. Die Frauen tragen blumengeschmückte Hüte, die Männer Anzüge mit Fliege. Ungeduldig warten sie auf den Höhepunkt des Festakts. Dann ist es endlich so weit: Redner rufen Neutral-Moresnet zum ersten Esperanto-Staat der Welt aus. „Amikejo“ soll er heißen – „Ort der Freundschaft“. Sogar eine Fahne, ein Wappen und einen eigenen Konsul gibt es schon.

Foto (C): Alamy
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Bürgerstolz Der ungeklärte Status hat für Moresnet auch Vorteile. Straßenszene in Altenberg um 1900

Stolz stimmen die Versammelten die Nationalhymne an: „O Altenberg, o Altenberg, du kannst mir sehr gefallen“ – auf der Melodie eines bekannten Weihnachtsliedes. Unter den 100 jubelnden Esperanto-Anhängern ist auch der Arzt Wilhelm Molly. Monatelang hat der 68-Jährige auf diesen Tag hingearbeitet. Es war seine Idee, Esperanto als Vehikel zu benutzen, um das geopolitische Provisorium Moresnet nach fast 100 Jahren zu einem unabhängigen Staat zu machen. Und wer weiß, vielleicht wird es ja einmal sogar zum Vorreiter der Einigung dieses tief gespaltenen Kontinents?

Streit um eine wichtige Ressource im Boden

Das wäre tatsächlich eine wundersame Wendung der Geschichte, denn Neutral-Moresnet ist letztlich selbst ein Ergebnis dieser Spaltung: Es entstand, als nach der Niederlage Napoleons 1815 beim Wiener Kongress die Neu-Aufteilung Europas verhandelt wurde, um zu einem Gleichgewicht der nationalen Kräfte zu kommen. Einer der vielen strittigen Punkte war dabei die Grenze zwischen Preußen und den Niederlanden. Nach längerem diplomatischen Tauziehen einigen sich die beiden Länder. Nur die Gemeinde Moresnet, ein paar Kilometer südlich von Aachen, bleibt umstritten: eigentlich nichts als ein lieblicher Landstrich, kleiner noch als Helgoland, mit gerade mal 50 Häusern und 256 Einwohnern. Doch in den Böden liegen große Vorkommen von Galmei (Zinkspan), das zur Herstellung von Messing und Zink gebraucht wird. Weder Preußen noch die Niederlande wollen auf diese Ressource verzichten.

Mehr als 60-mal innerhalb eines halben Jahres kommen preußische und niederländische Unterhändler zusammen, ohne sich einigen zu können. Dann endlich, am 26. Juni 1816, unterzeichnen die beiden Regierungen ein Traktat, das die neue Grenze regelt – und Moresnet bis auf Weiteres für neutral erklärt: ein Niemandsland mitten in Europa. In naher Zukunft soll eine diplomatische Kommission entscheiden, wie es mit der Gegend weitergeht.

Tatsächlich aber wird es diese Kommission nie geben. Und so bleibt Moresnet mit seinen paar Quadratkilometern ein Kuriosum, in dem vieles anders ist als im Rest der Welt.

Sind sie Niederländer? Oder Preußen?

Das fängt schon damit an, dass die Einwohner von Neutral-Moresnet, wie es jetzt heißt, gar nicht wissen, welche Nationalität sie haben: Sind sie Niederländer? Oder Preußen? Oder Bürger eines neuen, autonomen Staates? Um zumindest etwas Kontinuität zu wahren, darf immerhin der bisherige Bürgermeister im Amt bleiben. Allerdings muss er sich über alle wichtigen Entscheidungen mit einem niederländischen Kommissar in Limburg und einem preußischen Kommissar in Aachen abstimmen. Unklar ist auch, welches Recht gelten soll. Natürlich nicht das niederländische, sagen die Preußen. Auf keinen Fall preußisches, entgegnen die Niederländer.

Weil Moresnet vor 1815 zu Frankreich gehörte, einigt man sich schließlich darauf, dass der Code Napoléon dort weiter Gültigkeit behalten soll. Auch der französische Franc bleibt offizielle Währung. Im Alltag aber zahlt man mit preußischen Talern und niederländischen Gulden. Daran ändert sich auch dann nichts, als sich die südlichen Niederlande, die an Moresnet grenzen, abspalten und 1830 zum unabhängigen Staat Belgien werden.

Wegen seines neutralen Status sind in Moresnet keine Soldaten stationiert; lange Zeit gibt es nicht einmal Wehrpflicht, was viele junge Männer, vor allem aus Preußen, dazu bringt, sich dort niederzulassen, um dem Kriegsdienst zu entgehen. Und noch eine Besonderheit lockt die Menschen ins Grenzgebiet: Weil sich eine eigene Finanzbehörde für das Miniaturland nicht lohnt, werden dort kaum Steuern erhoben, nicht einmal auf Lebensmittel oder Alkohol. Auch Einfuhrzölle gibt es nicht, schließlich ist die Region zugleich Teil von Preußen und den Niederlanden. So wird aus dem geopolitischen Zankapfel über Nacht ein Steuerparadies.

Auf der Suche nach dem Glück

Ganz unterschiedliche Leute suchen hier nun ihr Glück. 1824 verlagert etwa der junge Bäcker Jean Schijns seinen Betrieb aus dem nahe gelegenen Vaals nach Moresnet. Weil er keine Steuern zahlen muss und das Mehl ebenfalls günstiger ist, kann er sein Brot um ein Viertel billiger anbieten als bisher. Seine Geschäftsidee wird schnell Nachahmer finden. Denn neuerdings fahren viele arme Niederländer jeden Morgen in die neutrale Zone, um günstig einzukaufen. Bald gibt es in Altenberg gleich mehrere Dumping-Bäcker.

Manche von ihnen kommen auf die Idee, das günstige Brot direkt in den Niederlanden zu verkaufen. Das ist zwar illegal, weil sie bei der Ausfuhr eigentlich Zoll zahlen müssten, funktioniert aber trotzdem, weil für ganz Neutral-Moresnet nur ein einziger Polizist und eine Handvoll Zöllner abgestellt sind. Die Voraussetzungen für Schmuggler sind also ideal – und das Schleusen von Waren wird für viele zum großen Geschäft.

Vor allem Schnaps entwickelt sich zum heimlichen Exportschlager, denn der kostet in Neutral-Moresnet manchmal nur ein Fünftel so viel wie in den Nachbarländern. Vier legale und noch mehr illegale Destillerien produzieren 67 000 Liter Branntwein im Jahr. Das meiste davon wird verschoben, wobei die Schmuggler immer erfinderischer werden: Manche verstecken den Alkohol im Rahmen ihres Fahrrads, mit dem sie morgens zur Arbeit radeln, andere tragen ihn in Beuteln um den Hals oder trainieren ihre Hunde, mit einem gefüllten Fass auf dem Rücken über die Grenze zu laufen. Kriminelle Banden verlegen sogar Schnaps-Leitungen unter der Altenberger Hauptstraße.

Fast jedes dritte Haus ist eine Kneipe

Und auch in Neutral-Moresnet selbst wird gern getrunken: 1853 gibt es in Altenberg mehr als 80 Lokale; fast jedes dritte Haus ist eine Kneipe. Viele Rotlicht-Etablissements sind darunter, in denen Glücksspiel betrieben wird und Prostituierte arbeiten. Eines davon liegt nur 100 Meter vom Eingangstor der Mine entfernt – viele Bergleute tragen ihr Gehalt direkt in die umliegenden Bars und Cabarets.

Die Förderung des Erzes hat dem Mikrostaat zu einem Wirtschaftsboom verholfen. 1857 hat sich die Einwohnerzahl bereits auf 2572 verzehnfacht. Die meisten arbeiten im Tagebau oder im angeschlossenen Zinkwerk. Dementsprechend ist es die Bergbaugesellschaft Societé de la Vieille-Montagne, die den Ort beherrscht. Der Gemeinde gibt sie Gelder für Vereine und gesellschaftliche Ereignisse; ihre Mitarbeiter versorgt sie mit Wohnungen, eigenen Ärzten und Einkaufsläden. Wer in eine Gewerkschaft eintritt, wird gefeuert.

Die Vieille-Montagne verdankt ihren Erfolg nicht zuletzt dem einzigartigen Schmelzofen, den der frühere Minenbesitzer Jean-Jacques Daniel Dony erdacht und konstruiert hat. Dony war ein genialer Tüftler, aber ein miserabler Geschäftsmann: Trotz seiner bahnbrechenden Erfindung ging er bankrott und starb 1819 in völliger Armut. Die Früchte seiner Genialität erntete derweil ein reicher Bankier aus Brüssel, der die Mine 1813 übernahm. Mit diplomatischem Geschick gelang es ihm, die Nachbarländer wohlgesonnen zu stimmen – die entscheidende Voraussetzung für seine Geschäfte.

So entwickeln sich Mine und Werk innerhalb kurzer Zeit zu einem florierenden Unternehmen, und schon bald beliefert der Zwergstaat im Dreiländereck die halbe Welt mit Zinn. Allein in Paris soll in der Hälfte aller Dächer Altenberger Zinn verarbeitet sein.

Ein Held, der die Cholera im Schach hielt

Seit 1863 ist Wilhelm Molly aus Wetzlar Betriebsarzt der Vieille-Montagne. Der freundliche Herr mit Vollbart und Nickelbrille gilt im Ort als Held, weil es ihm einmal gelungen ist, eine Choleraepidemie abzuwenden. 1881 wird man ihn zum Stellvertreter des Bürgermeisters wählen.

Molly hat große Pläne. Er möchte, dass Neutral-Moresnet unabhängig wird. Aus dem Provisorium soll endlich ein richtiger Staat werden. Doch er weiß nur allzu gut, dass weder Preußen noch Belgien das zulassen werden. Aus diesem Grund greift er zu einer List: Gemeinsam mit anderen Bürgern gründet er eine „Verkehrs-Anstalt“, die 1886 eigene Briefmarken für Moresnet herausgibt. Der vermeintlich harmlose Akt ist in Wahrheit der erste Schritt zur Eigenständigkeit – und lässt bei den beiden Kommissaren aus Preußen und Belgien die Alarmglocken schellen. Nur 14 Tage später verbieten sie die neuen Postwertzeichen.

Foto (C): Arkivi
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Attraktion Seit Neutral-Moresnet 1816 zum Dauer-Provisorium erklärt wurde, kann man mit Postkarten wie dieser Grüße aus Europas einzigem Vierländereck verschicken. Nach dem Ersten Weltkrieg wird das umstrittene Gebiet schließlich Belgien zugeschlagen

Ein Rückschlag für Molly. Doch sein Ziel verliert er nicht aus den Augen. 1906 lernt er den Franzosen Gustave Roy kennen. Der Lehrer spricht sieben Sprachen fließend, seit Kurzem auch Esperanto. Wie viele andere Intellektuelle träumt Roy davon, es zur universellen Weltsprache zu machen. Das bringt Molly auf eine Idee: Was, wenn Neutral-Moresnet das erste Land der Welt wäre, in dem Esperanto zur Amtssprache wird?

Kleiner Ort, großes Treffen? Der Esperanto-Weltkongress

Zusammen mit Roy beginnt er, im In- und Ausland für den Plan zu trommeln. Das Echo ist groß und überwiegend positiv. In den nächsten Monaten berichten mehr als 150 Zeitungen aus aller Welt über die ungewöhnlichen Pläne des seltsamen Zwergstaates, von dem die meisten Leser noch nie gehört haben. Roy gelingt es sogar, den Esperanto-Weltkongress davon zu überzeugen, seine Zentrale vom mondänen Genf nach Moresnet zu verlegen.

Alles scheint auf dem besten Wege zu sein. Diesmal, hofft Molly, könnte es endlich klappen mit der Unabhängigkeit. Als am 13. August 1908 im Hotel „Bergerhoff“ feierlich der Esperanto-Staat Moresnet ausgerufen wird, wähnt er sich am Ziel.

Doch die mächtigen Nachbarn stellen sich quer. Vor allem die Deutschen sind strikt dagegen, dem Provisorium die Eigenständigkeit zu geben. Sie drängen ohnehin seit Jahrzehnten darauf, die neutrale Zone endlich aufzulösen, und erhöhen jetzt den Druck: Die Behörden kappen die Telefonverbindung ins Deutsche Reich, drehen dem Gebiet sogar immer wieder mal den Strom ab. Gerüchte machen die Runde, die Deutschen planten bereits, in Moresnet einzumarschieren.

Von nun an gehört der Ministaat zu Belgien

Angesichts der zunehmenden Spannungen machen die Vertreter des Esperanto-Weltbundes einen Rückzieher und belassen die Zentrale vorsichtshalber doch in Genf. Der Traum vom unabhängigen Staat hat sich zerschlagen. Im August 1914 bricht der Erste Weltkrieg aus. Deutsche Truppen marschieren in Belgien ein, und die Bürger von Moresnet müssen nun als Soldaten ihres jeweiligen Staates gegeneinander kämpfen. Bald wird sich die Landkarte Europas noch einmal grundlegend verändern.

Wilhelm Molly stirbt am 18. Februar 1919. Ausgerechnet an dem Tag, an dem sich das Schicksal von Moresnet entscheidet: Bei den Friedensverhandlungen in Versailles einigen sich die Siegermächte darauf, dass der einstige Ministaat ab sofort zu Belgien gehört.

Fabrice Braun fragt sich, ob man im nahen Brüssel heute Esperanto sprechen würde, wenn Wilhelm Mollys Traum in Erfüllung gegangen wäre.

Der Text ist in P.M. History erschienen, Ausgabe 02/2020.

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