Der Mars ist für P.M. Wissen-Moderator Gernot Grömer ein „Sehnsuchtsort“. Und das Sonnensystem voll mit Locations für große Abenteuer. Alles Science-Fiction? Nein, eine Frage unseres Hungers nach neuen Horizonten, meint Gernot Grömer.

Wenn Gernot Grömer am Abend nach einer P.M. Wissen-Sendung in den Nachthimmel blickt, denkt er nicht an den Feierabend, sondern hat starkes Fernweh. Als Direktor des Österreichischen Weltraum Forums ist er an der Entwicklung von Raumanzügen und der Simulation von Mars-Missionen beteiligt. Gernot Grömer erzählt, welche spektakulären Orte es im Sonnensystem gibt, was derzeit noch zum ersten Menschen auf unserem Nachbarplaneten fehlt und was Christoph Kolumbus mit seinem Hobby zu tun hat.

P.M. Wissen: Du nimmst uns in deinem Buch „Unterwegs im Weltraum“ mit auf eine Reise durchs Sonnensystem. Welche Destination ist besonders faszinierend?
Gernot Grömer: Es gibt viele wunderbare, spektakuläre, geheimnisvolle Orte. Je nachdem, ob man sich zurücklehnen und genießen oder pure Action haben will. Auf dem Uranus-Mond Miranda gibt’s eine Klippe, die Verona Rupes, wo man aufgrund der geringen Schwerkraft recht langsam herunterfallen würde. Da könnte man über fünf Minuten Freifall-Zeit beim Bungee-Jumpen haben. Das wäre mal ein ordentlicher Adrenalin-Kick.

Wie hoch ist diese Klippe?
Etwa 20 Kilometer, also mehr als zweimal so hoch wie der Mount Everest. Aber man hat nur einen Bruchteil der Erdanziehungskraft, weil der Mond so klein ist. Stellen wir uns vor, wir machen in 200 Jahren eine Reise mit dem Raumschiff, wie heute mit einem Kreuzfahrtschiff auf der Erde. Was könnten wir alles machen, welche Events besuchen? Wie wär’s mit einem Feuerwerk in den spektakulären Saturn-Ringen während man in Surround-Qualität Beethovens Neunte Symphonie im Schiffs-Lautsprecher hört? Orte wie dieser werden für den Menschen irgendwann mal erreichbar sein.

Was passiert eigentlich, wenn man auf einen Gasriesen wie Jupiter steigt?
Man geht einfach unter. Das ist so, wie wenn man in einen Nebel eintaucht, der bodenlos ist. Der Druck würde immer mehr steigen. Man bräuchte einen Hartschalen-Raumanzug, der so stabil ist, dass man ihn nur in Science-Fiction herstellen kann. Man würde irgendwann im freien Fall unter der Oberfläche des Jupiters ein Prasseln spüren, wie ein harter Regen. Das sind kleine Diamantkristalle, also Kohlenstoff, der unter dem immensen Druck zu Kristallen gepresst wurde.

Du befasst dich beruflich viel mit Themen, die dich selbst sehr interessieren. Hast du auch Hobbies, die gar nichts mit der Astronomie zu tun haben?
Ich bin ein großer Fan von Modellschiffen und hab mit Freunden unter anderem das Flaggschiff von Christoph Kolumbus gebaut. Was wir beim Österreichischen Weltraum Forum ÖWF machen, ist ein bisschen wie Schiffsbau. Jeder kennt Kolumbus, aber niemand kennt seinen Schiffsbauer. Aber ohne Schiff hätte er nie den Hafen in Portugal verlassen.

2020 sind sich Erde und Mars besonders nahe. Wie wird das die Menschheit nutzen?
Gut alle zwei Jahre ist das so. Heuer starten gleich mehrere unbemannte Raumschiffe zum Mars. Den Mars mit dem Fernrohr zu beobachten und zu wissen, dass dort oben mehrere Roboter-Fahrzeuge auf der Oberfläche und Satelliten in der Umlaufbahn sind, ist schon etwas Besonderes. Der Mars ist im Augenblick der einzige Planet im Sonnensystem, der nur von Robotern bewohnt wird – eine Info für die Transformers-Fans unter uns.

Zum ersten Mal nach 30.000 Generationen Menschheit haben wir die Möglichkeit, nach Leben auf einem anderen Planeten zu suchen.

Gernot Grömer

Welches Ziel haben die Mars-Missionen?
Der Mars ist ein Sehnsuchtsort. Zum ersten Mal nach 30.000 Generationen Menschheit haben wir die Möglichkeit, nach Leben auf einem anderen Planeten zu suchen. Für mich ist es ein unglaublicher Ansporn, dass der Mars in unserer Generation zum Greifen nahe ist. Und ich glaube, ein bisschen etwas vom Mars ist auch in uns drinnen.

Vor der ersten Ausgabe von P.M. Wissen im Herbst 2018 hast du gesagt, der erste Mensch, der den Mars betreten wird, ist schon geboren. Wenn du auf eine Jahreszahl tippen würdest, welche wäre es?
Das hängt auch von politischen Entscheidungen ab. Wenn ich eine Zahl nennen müsste, würde ich sagen 2040 bis 2050. Das halte ich für möglich. Zuerst landet wieder ein Mensch am Mond – innerhalb dieser Dekade, wenn alles gut geht. Und dann am Mars.

Was fehlt derzeit noch?
Nicht die Technologie – es ist alles machbar. Es ist auch nicht die Finanzierung. Unsere Gesellschaft kann es sich locker leisten. Mit drei Monaten Irakkrieg weniger hätten die USA eine Mars-Mission mit einem goldenen Raumschiff finanzieren können. Wir als Gesellschaft sollten wieder den Hunger nach neuen Horizonten entwickeln. Ohne den geht überhaupt nichts. Wir werden derzeit ein bisschen zu Wohnzimmersessel-Entdeckern. Wir sagen: „Schickt doch unbemannte Raumsonden hin.“ Oder: „Für mich ist wichtiger, dass mein nächstes Smartphone ein besseres Display hat.“ Wir haben es ein bisschen verlernt, Risiken auf uns zu nehmen, um neue Horizonte zu entwickeln. Dieses Entdecker-Gen müssen wir neu entwickeln, glaube ich. Denn das macht uns „neugierig auf morgen“.

Vor einem Jahr ist ein chinesisches Raumfahrzeug am Mond gelandet, eine Mars-Expedition ist geplant. Wird der erste Mensch am Mars aus China sein?
Ich glaube, es wird eine internationale Kooperation sein. Es hätte eine starke Symbolkraft, dass der erste Mensch am Mars nicht als Vertreter eines Landes, sondern als Vertreter einer Spezies ankommt. Das war auch bei der Apollo-Mondlandung so, als eine Plakette zurückgelassen wurde mit der Aufschrift „We came in peace for all mankind“. Ich glaube, in 500 Jahren werden die heutigen Landesgrenzen auch nicht mehr relevant sein. Unsere Zeit wird als jene in Erinnerung bleiben, in der wir Menschen zu neuen Planeten aufgebrochen sind.

Was erwartet die ersten Menschen, die zum Mars aufbrechen?
Es wird grundsätzlich anders sein als ein Flug zum Mond. Zum Mars haben wir ungefähr die tausendfache Distanz. Der Mond ist rund 380.000 Kilometer entfernt, der Mars im Worst Case etwa 380 Millionen Kilometer. Innerhalb von zwei Tagen wieder zurückzukommen, das spielt es am Mars nicht. Man muss etwa 200 Tage pro Richtung rechnen. Das heißt, die Logistik und die Anforderungen an das Überleben sind ungleich höher. Ich glaube, das wird kein Spaziergang.

Würdest du mitfliegen, wenn du die Möglichkeit hättest?
Ich würde mir zunächst ansehen, mit wem ich unterwegs bin. Man möchte ja nicht mit jemandem auf Urlaub fahren, den man gar nicht kennt. Und zweitens möchte ich mir die Technologie gut ansehen, ob ich eine gute Chance habe, zurückzukommen.

Dann gibt’s vielleicht mal ein P.M. Wissen Spezial, moderiert vom Mars?
Das wäre super, das ist mein Ziel.

Interview: Martin Pötz / ServusTV

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