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Warum frieren Archäologen ein komplettes Grab ein?

20. Apr.

Foto: © BLfD

Ein Forschungsteam des Bayrischen Landesamts für Denkmalpflege hat ein hunderte Jahre altes Grab mit Flüssigstickstoff schockgefrostet – um es gut bergen zu können

(Interview: Angelika Franz)

Bei Bauarbeiten im oberschwäbischen Tussenhausen stießen Forschende auf die Überreste eines Jungen, zu dessen Füßen ein Hund mitbestattet worden war. Doch es war kein gewöhnlicher Knabe: Das ihm ins Grab gelegte Schwert, vor allem aber der mit Goldbeschlägen verzierte Waffengurt lassen darauf schließen, dass das Kind einer sehr vornehmen Familie angehörte. Um das gut erhaltene Grab sicher bergen zu können, hat ein Forschungsteam des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege eine neue Methode entwickelt: Es hat das gesamte Grab mit Flüssigstickstoff schockgefrostet. Mathias Pfeil war dafür verantwortlich, wir haben mit ihm gesprochen.

Warum konnte dieses Grab nicht wie sonst üblich in einem Block aus dem Erdreich geborgen werden?

Die Funde lagen fast 1300 Jahre nahezu unverändert im Grab. Die Steindecke und -wände der Grabkammer schlossen noch so dicht ab, dass – anders als ansonsten üblich – noch keine Sedimente eingedrungen waren und die Begräbnissituation verunreinigen konnten. Es war quasi ein hohler Raum. Um die noch weitgehend ungestörten organischen Bestandteile bestmöglich zu schützen und das Grab so dokumentieren zu können, wie es vorgefunden wurde, sollte der Fund trotzdem als Blockbergung unversehrt und in seiner Gesamtheit in die Restaurierungswerkstatt des Landesamts für Denkmalpflege transportiert werden.

Aber ohne die sonst vorhandenen stabilisierenden Ablagerungen aus Erdreich drohten die Funde bei der Bergung und beim Transport zu verrutschen oder gar beschädigt zu werden. Die Skelettknochen und Grabbeigaben lagen auf dem Boden des Steinplattengrabes nur locker auf, waren ineinander verschachtelt und sehr fragil. Man könnte dies mit der Struktur von Blätterteig oder einem Croissant vergleichen.

Was sind die Vorteile dieser ungewöhnlichen Methode?

Durch die Schockfrostung mit Flüssigstickstoff wurden die Funde in ihrem Ursprungszustand fixiert. Damit war der Grabinhalt beim Transport in die Werkstatt vor mechanischen Einwirkungen oder einem Verrollen geschützt.

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Untersuchungen könnten neue Erkenntnisse über mittelalterliche Kleidung liefern

Wie genau friert man ein Grab ein?

Wir haben als Vorbereitung sehr vorsichtig Lage für Lage mit Wasser benetzt und dann mit Flüssigstickstoff vereist. Mit seiner Temperatur von minus 196 Grad Celsius sorgte der Flüssigstickstoff dafür, dass der aufgebrachte Wasserfilm sofort ohne Ausdehnungseffekte aushärtete. So bildeten sich keine strukturzerstörenden großen Eiskristalle.

Ging die Bergung glatt, oder gab es auch Probleme?

Die Bergung verlief wie erwünscht. Sie dauerte nur mit 14 Stunden sehr lange – von 3 Uhr morgens bis 17 Uhr. Es hat so viel Zeit gebraucht, weil wir die Bergung detailliert vorbereiten und extrem vorsichtig arbeiten mussten, um jegliche Erschütterung zu vermeiden.

Wo liegt der Block jetzt, und wie geht es mit ihm weiter?

Er befindet sich derzeit in unserer Restaurierungswerkstatt in unserer Dienststelle bei Bamberg. Die Funde sollen dort genauer untersucht und konserviert werden. Sie sind für ein Grab aus dem 7. Jahrhundert in einem hervorragenden Zustand. Sogar zahlreiche Stoff- und Lederreste sind erhalten. Die Textilien werden exakt dokumentiert und mittels Mikroskopie analysiert, sodass man bei der Auswertung aller Fakten möglicherweise die Funktion interpretieren kann: Stammen sie von einem Kissen, einem Leichentuch oder von Kleidung? Wie wurde diese getragen? Geben die Reste Hinweise auf Schuhe, Gürtel oder andere Grabbeigaben?

Eine Feinanalyse der Struktur des Textils oder Leders kann Aufschluss geben über Faserarten, Textilbindungen, Bearbeitungsspuren und eventuell sogar über verwendete Farbstoffe. Von den Untersuchungen versprechen wir uns neue Erkenntnisse über frühmittelalterliche Kleidung, Bestattungssitten und das Textilhandwerk. Auch Informationen darüber, ob es sich bei den Funden um Importstücke handelt oder ob sie typisch für die Region waren, könnten wir daraus gewinnen.

Der Artikel ist in der Ausgabe 04/2022 von P.M. Schneller Schlau erschienen.

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