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Geschichte

Zehn ägyptische Erstaunlichkeiten

20. Dez.

Foto: © picture alliance/ASSOCIATED PRESS

Sie waren Erfinder, Pioniere, Ästheten: Die Menschen im alten Ägypten verblüfften Forscher immer wieder auf Neue – bis heute

Pulverisierte ägyptische Mumien gegen Kopfschmerzen und Husten, ein Dolch, der vom Himmel fiel und eine künstliche Zehe: Wir präsentieren zehn ägyptische Erstaunlichkeiten aus der Geschichte.

Der erste dokumentierte Streik der Geschichte

Sie sind wütend, und sie sind verzweifelt. Am 4. November 1159 v. Chr. legen rund 40 Handwerker im Tal der Könige die Arbeit nieder, ziehen mit ihren Familien durch ihre Siedlung und rufen: „Wir sind hungrig!“ Es ist der erste dokumentierte Streik der Geschichte. Unter Ramses III. stehen den Arbeitern, die an den Grabstätten schuften, monatlich 150 Kilogramm Dinkel und 56 Kilogramm Gerste zu, außerdem Wasser, Fisch, Gemüse, Obst und Brennmaterial, manchmal sogar Fleisch. Ein fürstlicher Lohn. Doch die versprochenen Lieferungen sind seit Längerem ausgeblieben. Gegen Ende der Regierungszeit von Ramses III. greift die Korruption um sich, hohe militärische Ausgaben drücken die Staatskasse. Um den Protest einzudämmen, treiben die Behörden die Nahrungsmittel so schnell wie möglich auf, der November-Streik wird beigelegt. Doch noch zweieinhalb Jahre lang flammen immer wieder Proteste auf. Erst danach kehrt Ruhe ein.

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Ambitionierte Vorgänger des Suezkanal

Der Suezkanal zwischen Mittel- und Rotem Meer hatte ambitionierte Vorgänger. Bereits rund 2500 Jahre zuvor nahm der Bubastis-Kanal Gestalt an, der unter Pharao Necho II. (610–595 v. Chr.) vom östlichen Nildelta Richtung Rotes Meer führen sollte. Herodot berichtete, dass 12 000 Arbeiter beim Bau starben. Fertig wurde der vier Tagesreisen lange Kanal erst unter dem Perser Dareios I. (521–486 v. Chr.), geriet aber bald in Vergessenheit. Auch Ptolemäer, Römer und Araber verhoben sich an ähnlichen Wasserwegen durch die Wüste; letztlich verliefen alle über kurz oder lang buchstäblich im Sande, bis 1869 der Suezkanal öffnete.

Pulverisierte ägyptische Mumien wurden zu Tinkturen und Salben

Sie sollten gegen Kopfschmerzen, Husten, Schwindel und andere Wehwehchen helfen: pulverisierte ägyptische Mumien, zermahlen zu „Mumia“ oder „Pulvis mumiae“ und zu Tinkturen und Salben verarbeitet. Es waren wohl zuerst arabische Ärzte, die die teerartige Einbalsamierungsmasse aus den Mumienleibern als Medizin nutzten, als Ersatz für das teure, „mum“ genannte Erdwachs (Bitumen, Asphalt), das sie sonst anwendeten. Später wurden gleich ganze Körper verarbeitet, vor allem in Europa. Von König Franz I. von Frankreich (1494–1547) heißt es, dass er stets einen Mumia-Beutel mit sich trug, um Verletzungen zu behandeln. Spätestens ab dem 16. Jahrhundert hatten fast alle Apotheken in Europa Mumia im Angebot (unten eine Arznei-Dose aus Salzburg). Der Handel mit den sterblichen Überresten hielt bis ins 20. Jahrhundert an: Die Darmstädter Pharmafirma Merck verkaufte noch 1924 „Mumia vera aegyptiaca“, das Kilo für zwölf Goldmark.

Frühe Hieroglyphen zur Identifikation Verstorbener im Jenseits

Foto: © akg-images / Werner Forman

Die Schrift wurde mehrfach unabhängig voneinander erfunden: in Mesopotamien, in China, in Mittelamerika. Und im alten Ägypten: Einige Tongefäße und Elfenbeinplättchen, kaum zwei mal zwei Zentimeter groß, die in Gräbern im oberägyptischen Abydos gefunden wurden, stammen aus dem späten 4. Jahrhundert v. Chr. Die auf ihnen eingeritzten Symbole – Vogel und Fisch, Blitz und Himmel – sind wohl frühe Hieroglyphen, die zur Identifikation Verstorbener im Jenseits dienen sollten. Im Wettstreit um die ältesten Schriftzeichen der Welt konkurrieren die Hieroglyphen nur noch mit den mesopotamischen Keilschriftzeichen von Uruk.

Ein Pharao war nicht nur Herrscher, sondern auch oberster Richter

Ein Pharao war nicht nur Herrscher, sondern auch oberster Richter. Und blieb es mitunter über seinen Tod hinaus, wie Amenophis I. (1525–1504 v. Chr.): Seine Orakelstatue wurde noch jahrhundertelang in Streitfällen angerufen. Priester balancierten die Statue auf ihren Schultern, während die Streitparteien ihren Fall vorbrachten. Das Wanken der Figur wurde als Urteil interpretiert, manchmal sprach Amenophis sogar – durch einen gut versteckten Priester.

Einer der ersten Zoos der Welt

Zwei Elefanten, drei Nilpferde, elf Affen – die Überreste von 112 Tieren in der Stadt Hierakonpolis südlich von Luxor legen nahe: Sie lebten vor 3500 Jahren in einem der ersten Zoos der Welt, als Prestigeobjekte der Mächtigen und Begleiter ins Jenseits. Gefunden wurden sie in Gräbern der Oberschicht. Dass sie keine Wildfänge waren, zeigen u. a. Knochenbrüche: Die waren so verheilt, wie es nur in Obhut geschehen konnte.

Das älteste Ortsnamensschild der Welt

Wer vor gut 5000 Jahren durch ein Wadi im Osten von Assuan reiste, wusste gleich, auf wessen Territorium er sich befand: Vier Hieroglyphen auf einer Felswand kündeten von der „Domäne des Horus-Königs Skorpion“. Ägyptologen halten die Inschrift für das älteste Ortsnamensschild der Welt. Ägypten, das damals eine Nord-Süd-Ausdehnung von rund 800 Kilometern hatte, war auf dem Weg zum ersten Territorialstaat der Welt. Eigens an der Peripherie gegründete Königsgüter – „Domänen“ – sollten das Reich festigen. Und „König Skorpion“ war wohl Teil dieser staatstragenden Aktion.

Der Dolch des Tutanchamun wurde aus einem Meteoriten gefertigt

Foto: © https://bridgemanimages.com/

Gold gab es im Grab des Tutanchamun im Überfluss. Viel seltener aber und rund zehnmal wertvoller war das Material, aus dem die Klinge eines 34 Zentimeter langen Dolchs gefertigt ist: Eisen. Ein Metall, das die Ägypter der Bronzezeit noch nicht herstellen konnten. Der Dolch des Pharao (o. r., neben einem Gold-Dolch) fiel vom Himmel: Er wurde aus einem Meteoriten gefertigt; darauf weist u. a. sein hoher Nickelgehalt hin. Womöglich stammt er von einem Himmelskörper, dessen weitere Überreste im Jahr 2000 nahe der ägyptischen Oase Kharga gefunden wurden.

Grab für hochrangige Beamte

Hier ließen sich die Reichen und Mächtigen bestatten: Die Totenstadt Sakkara am Nil, südlich von Kairo gelegen, zählt neben dem Tal der Könige und den Pyramiden von Gizeh zu den wichtigsten archäologischen Fundorten in Ägypten. Ende 2020 stießen Forscher dort erneut auf eine Sensation: mehr als 100 gut erhaltene, geschlossene Sarkophage, bis zu 2700 Jahre alt. Die Holzsärge lagen in drei zwölf Meter tiefen Grabschächten; Inschriften zufolge wurden hier hochrangige Beamte bestattet. Mostafa Waziri, der Generalsekretär des ägyptischen Antikenrats, nimmt eine Art „Sargindustrie“ in Sakkara an: Wohlhabende suchten sich zu Lebzeiten bei Handwerkern standesgemäße Sarkophage aus, in denen sie sich später mumifizieren lassen wollten. Nur so, glaubten die alten Ägypter, konnten sie die Reise ins Jenseits antreten und dort weiterexistieren. Die ägyptische Regierung glaubt, dass bislang nur etwa ein Prozent von Sakkaras Schätzen entdeckt wurde. Die Funde werden im neuen Großen Ägyptischen Museum in Gizeh ausgestellt, das Ende 2021 eröffnet werden soll.

Eine der frühesten bekannten Prothesen

Warum die Ägypterin, die vor 2600 Jahren westlich von Luxor bestattet wurde, ihren rechten großen Zeh verloren hatte, ist nicht bekannt. Aber sie wusste sich zu helfen: Sie trug eine künstliche Zehe, eine der frühesten bekannten Prothesen überhaupt. Das Ersatzglied aus Leder und Holz zeugt von hoher Handwerkskunst: Es sah dem echten Vorbild nicht nur recht ähnlich, sondern war auch erstaunlich beweglich. Gebrauchsspuren beweisen, dass der Zeh nicht erst der Toten übergestülpt wurde, um die Mumie zu komplettieren. Er war tatsächlich laufend in Benutzung.

Der Artikel ist in der Ausgabe 10/2021 von P.M. History erschienen.

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