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Sprachmuster: Sind wir heute depressiver als früher?

4. März

Foto: © imago images/PhotoAlto

Forschende scannten mehr als 14 Millionen Bücher - um durch Sprachmuster Hinweise auf die psychische Verfasstheit der Gesellschaft zu finden

(Text: Jochen Metzger)

Keiner weiß so ganz genau, ob wir heute depressiver als früher sind. Schließlich kann man vergangene Generationen nicht mehr auf die Couch legen oder sie einen Fragebogen ausfüllen lassen. Dennoch hat ein Team aus den Niederlanden und den USA jetzt den Versuch unternommen, die Frage zumindest näherungsweise zu klären. Die Forschenden nutzten dafür eine bestimmte Google-Software, den »Ngram Viewer«. Damit konnten sie zwar nicht das gesamte Internet durchsuchen – aber die unfassbare Menge von mehr als 14 Millionen gescannten Büchern aus der Zeit zwischen 1895 und 2019. Würden sich darin bestimmte Sprachmuster finden, die Hinweise auf die psychische Verfasstheit der Gesellschaft geben können? 

Entsprechende Listen mit Wörtern und Formulierungen liegen in der Forschung schon länger vor. Die Untersuchung lieferte eine Reihe interessante Ergebnisse: Für die USA sieht sie zum Beispiel einen Anstieg der kollektiven Depression um das Jahr 1899 – also kurz nach der Zeit des Spanisch-Amerikanischen Krieges. Auch die Studentenunruhen im Jahr 1968 erhöhten laut der Analyse offenbar die Depression im Land. Psychologisch am gesündesten scheinen die USA demnach 1978 gewesen zu sein: In diesem Jahr erreichen die Depressionswerte einen spektakulären Tiefstand. Seither sind sie Jahr für Jahr gestiegen. Heute liegen sie auf einem alarmierenden Rekordwert und sind mehr als doppelt so hoch wie zu jedem Zeitpunkt des 20. Jahrhunderts.

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Forschende sehen Depressionsanstieg in Deutschland

In Deutschland zeigen die Daten – kaum verwunderlich – einen massiven Anstieg der Depression unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Danach sinken die Werte und bleiben lange Zeit relativ konstant – bis zur Wirtschafts- und Finanzkrise im Jahr 2007. Seither steigen auch bei uns die Depressionswerte stark an. Sie sind inzwischen sogar doppelt so hoch wie im Krisenjahr 1946. Fazit: Glaubt man den auf diese Weise ermittelten Zahlen, dann sind wir heute so depressiv wie nie in den vergangenen 125 Jahren. Die Untersuchung endet mit dem Jahr 2019. Man kann vermuten, dass die Pandemie die Situation nicht besser gemacht hat.

Der Artikel ist in der Ausgabe 02/2022 von P.M. Schneller Schlau erschienen.

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