Denken, Fühlen, Erinnern: Nichts geht ohne unser Gehirn. Doch wie werden die 80 bis 90 Milliarden Nervenzellen zusammen gehalten?

Wenn Neurowissenschaftler früher über das Gehirn sprachen, redeten sie fast immer nur über Nervenzellen. Die Neurone waren die Lieblinge der Hirnforschung, ermöglichen sie uns Menschen doch zu denken, uns zu erinnern, die Welt zu verstehen. Und zwischen ihnen liegt so eine Art Klebstoff, dachten Forscher jahrzehntelang. Ein biologischer Kleister, der die wertvollen grauen Zellen davon abhält, auseinanderzufallen. »Glia« heißt dieser Kleber in der Fachsprache. Der berühmte deutsche Pathologe Rudolf Virchow hatte den Begriff im 19. Jahrhundert gewählt, in Anlehnung an das griechische Wort für Leim.

Unter Wissenschaftlern galt die Glia somit als eher uninteressante Masse. Inzwischen sind die Gliazellen ihrem Schattendasein entkommen und mitten ins Rampenlicht der Hirnforschung gelangt. Von ihnen gibt es im Gehirn etwa ebenso viele wie Nervenzellen, fast 100 Milliarden, und sie unterteilen sich in verschiedene Zelltypen. Sie haben sich als sehr aktiv und vielseitig entpuppt, ein Gehirn könnte ohne sie gar nicht funktionieren, denn die Nervenzellen würden ohne sie rasch untergehen.

Parkinson, Alzheimer-Demenz, Adipositas: Gliazellen sind daran beteiligt

Während der Evolution waren die Gliazellen ausschlaggebend dafür, dass aus Einzellern so hoch entwickelte Wesen wie der Mensch entstehen konnten. Ein bestimmter Zelltyp von ihnen hilft nämlich dabei, Informationen rasend schnell in Form elektrischer Signale weiterzuleiten. Das können Schmerzsignale sein oder auch Informationen von der Netzhaut des Auges für das Gehirn.

Auch bei der Entstehung von Erkrankungen wie Parkinson, Alzheimer oder bei Fettleibigkeit spielen die Zellen eine wichtige Rolle. Eine Untergruppe, die Mikroglia, vermittelt wiederum zwischen Nerven- und Immunsystem. Die Zellen beseitigen schädliche Stoffe, kämpfen gegen fremde Erreger und locken weitere Immunzellen an. Inzwischen haben Neurowissenschaftler auch entdeckt, dass sternförmige Gliazellen die Sprache der Neuronen verstehen, sich mithilfe von Botenstoffen ins Gespräch einmischen. Und die Inhalte sogar weitererzählen. Ein einziger dieser Astrozyten steht über strahlenförmige Ausläufer mit mehr als 100 000 Schaltstellen der Nerven- und anderer Gliazellen in Kontakt.

(Text: Astrid Viciano)

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Wie funktioniert ein autobiografisches Gedächtnis?

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