Ein neues Instrument einzuspielen bedeutet nicht nur, sich an das Instrument zu gewöhnen, es ist auch der Anfang einer Beziehung, die möglichst lange halten soll. Doch ist es nötig für den Klang?

Viele erfahrene Spieler hölzerner Saiteninstrumente wie Gitarre, Geige oder Cello schwören darauf: Sie spielen ein neues Instrument erst intensiv ein, bevor sie es in Konzerten benutzen. Nicht nur, um sich daran zu gewöhnen. Angeblich klingen eingespielte Instrumente auch besser. Holz und Saiten müssten sich erst einschwingen. Wissenschaftlich ist das allerdings mehr als fraglich. Der Münsteraner Klavierbauer und Psychologe Gregor Weldert hat 2017 in einer Übersichtsstudie alle durchgeführten Experimente zu dieser Frage bilanziert. Ergebnis: »Die Daten zu objektiv messbaren Effekten durch natürliches Einspielen sind uneinheitlich. Auch eine subjektive Klangverbesserung zeigte sich unter kontrollierten Bedingungen nicht.« Mit »objektiv messbar« meint Weldert technische Messungen etwa der Frequenzkurven im Klangbild: Demnach verändern die Vibrationen des Einspielens tatsächlich die Struktur des Holzes und der Leimverbindungen, was wiederum Einfluss auf Faktoren wie Frequenz und Resonanz des Instruments haben kann.

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Doch das subjektive Empfinden, ob man also den Unterschied im Klang tatsächlich hören kann, bleibt unklar. Und wenn man ihn hört, dann ist der Effekt offenbar auch nicht immer positiv. Zum Beispiel gab das Tokyo String Quartet 1994 ein Konzert auf vier verschiedenen Instrumenten-Sets: einmal mit den eigenen alten italienischen Instrumenten und dreimal mit neuen, auf denen die Musiker zuvor nie gespielt hatten. Das kundige Publikum konnte in einer anschließenden Umfrage die alten Instrumente zwar identifizieren. Allerdings hatte es ja die Musiker darauf spielen sehen, also womöglich auch Verhaltensunterschiede festgestellt. Auf Aufnahmen des Konzerts dagegen konnten selbst erfahrene Musiker die Sets nicht unterscheiden. Auch in Doppelblindstudien – wenn also weder Musiker noch Zuhörer wissen, welches Instrument gespielt wird – konnten weder die einen noch die anderen eingespielte Instrumente von neuen des gleichen Modells auseinanderhalten. Häufiger empfanden die Probanden den Klang neuer Instrumente sogar als besser. Auch Einschwingapparaturen oder Vibrationsbehandlungen, die dem Musiker das Einspielen abnehmen können, zeigten in entsprechenden Versuchen keine nachweisbaren Klangverbesserungen.

(Text: Jan Berndorff)

Singende Sterne // Venedigs Untergang // Mensch als Herdentier u.a.

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