Viele Verschwörungstheorien, so absurd sie auch klingen, sind langlebig und folgenreich. Vor allem sind sie immun gegen Fakten, Widerlegungen und handfeste Argumente

Chemtrails, eine inszenierte Mondlandung und Nazis am Südpol: Wir stellen zehn langlebige Verschwörungstheorien aus der Menschheitsgeschichte vor.

Nazis leben am Südpol im Erdinneren

Foto (C): Bridgeman Images

Als im August 1945 ein deutsches U-Boot in Argentinien anlegte, schossen die Spekulationen ins Kraut: Stimmte die Geschichte der Besatzung, dass sie vor den Alliierten geflohen war – oder hatte U 977 Adolf Hitler und Eva Braun in einer geheimen Eisfestung in der Antarktis, in „Neuschwabenland“, abgesetzt? Hatte bereits die Deutsche Antarktische Expedition von 1938/39 (Foto) vorsorglich eine Basis am Südpol aufgebaut? Das hatte sie natürlich nicht, es ging vor allem um Walfanggründe. Noch steiler war die These, am Südpol existiere eine Öffnung ins Innere der Erde, wo blühende Landschaften ein ideales Nazi-Versteck bieten. Bis 1958 hätten die USA und Großbritannien versucht, die Faschisten-Festung am Pol einzunehmen, am Ende halfen nur Atombomben. Einige Verschwörungsfans glauben, dass im Erdinneren bis heute Nazis leben, die dank Ufo-Technologie gelegentlich abheben – in „Reichsflugscheiben“.

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Dieser Artikel ist in P.M. History 06/2021 erschienen

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Juden wollen die Weltherrschaft

Foto (C): Sammlung Rauch / Interfoto

Schund, Plagiat, Fälschung! Der Schweizer Richter Walter Meyer, der 1935 über einen seltsamen Text urteilen muss, den ein paar Nationalsozialisten in Bern verteilt hatten, findet deutliche Worte: Diese „Protokolle der Weisen von Zion“ sind Unsinn. Der Text beschreibt, wie sich eine Gruppe Rabbiner nachts auf dem jüdischen Friedhof in Prag trifft, um die Übernahme der Weltherrschaft vorzubereiten. Ihren Plan hielten sie in den 24-teiligen „Protokollen der Weisen von Zion“ fest – eine Anweisung, wie man Staaten zersetzt und Nichtjuden unterwirft. Die Schrift war erstmals 1903 in Russland erschienen und hatte sich rasch im Westen verbreitet, begierig aufgenommen von Antisemiten, die es nun als bewiesen ansahen, dass „die Juden“ Schuld am Leid der Welt tragen. Dabei sind die „Protokolle“ nichts als ein wirres, in sich widersprüchliches Verschwörungsgebräu, in weiten Teilen zusammenkopiert aus einem Roman und einer Satire. Trotzdem: Das Machwerk, dessen Urheber unbekannt ist, zirkuliert bis heute.

Ärzte als Mörder in der Sowjetunion

Foto (c): akg-images

Stalins Terror gegen das eigene Volk kannte kaum Grenzen: Weggefährten, Politiker, Minderheiten, Bauern – niemand war sicher. Seiner letzten Verleumdungskampagne fiel Stalin wohl selbst zum Opfer: Im Januar 1953 ließ er verkünden, dass Ärzte (vor allem jüdische) das Leben „führender Persönlichkeiten der Sowjetunion verkürzen“ wollten, gelenkt von den USA. Dutzende hochrangige Mediziner wurden im Zuge der „Ärzteverschwörung“ verhaftet. Als Stalin im Februar 1953 einen Schlaganfall erlitt, saß auch sein Leibarzt in Haft. Kurz nach Stalins Tod am 5. März erklärte die neue Führung die Ärzteverschwörung als erfunden; die Gefangenen wurden freigelassen. Das Misstrauen der Bevölkerung gegen jüdische Ärzte aber blieb noch lange bestehen.

Die Mondlandung war inszeniert

Person, Human, Astronaut
Foto (C): NASA

Rund 600 Millionen TV-Zuschauer weltweit schauten zu, als im Juli 1969 erstmals Menschen auf dem Mond landeten. Verschwörungstheoretiker glauben jedoch, dass Neil Armstrong und Buzz Aldrin durch ein Filmstudio spazierten, im Auftrag der betrügerischen US-Regierung. Fotos und Filme der NASA sollen das beweisen: So seien etwa keine Sterne zu erkennen, die Schatten fallen falsch, die US-Fahne flattert, obwohl auf dem Mond kein Wind wehen kann … Diese Phänomene sind relativ leicht zu erklären (Lichtempfindlichkeit von Kameras, Spiegelungen, fehlender Luftwiderstand, geringere Schwerkraft …), dennoch hält sich der Mythos bis heute. Buzz Aldrin, von einem Mondlandungs-Leugner 2002 auf der Straße als „Lügner, Feigling, Dieb“ beschimpft, ließ immerhin den Gegner Sterne sehen: Er haute ihm mitten ins Gesicht.

„Area 51“: Aliens gelandet!

Foto (C): DigitalGlobe via Getty Images

Eine militärische Sperrzone von 100 Quadratkilometern in der Wüste Nevadas: Darüber, was in der „Area 51“ vor sich geht, wird schon lange wild spekuliert. So sollen hier seit Jahrzehnten Aliens versteckt und untersucht werden, die nach Ufo-Abstürzen geborgen wurden, etwa nach einem angeblichen Alien-Crash 1947 nahe dem Örtchen Roswell (New Mexico). Eine andere Theorie besagt, hohe Militärs träfen sich hier regelmäßig mit Außerirdischen. Deren Ufo-Technologie soll für die Herstellung neuartiger Flugzeuge oder Waffensysteme genutzt werden. Die US-Behörden reagierten nüchtern: Sie bestätigten 2013 lediglich, dass das Gelände als Test- und Trainingsgebiet für das Militär genutzt wird.

Verschwörer töteten JFK

Foto (C): Bettmann Archive / Getty Images

Der US-Präsident John F. Kennedy, einer der mächtigsten Männer der Welt, erschossen am 22. November 1963 von einem Nobody namens Lee Harvey Oswald, mit einem Gewehr aus dem Versandkatalog? Das schien einigen zu banal, um wahr zu sein. Die Verschwörungsmythen blühten auf: Oswald, der eine Zeit lang in der UdSSR gelebt hatte, soll mit dem sowjetischen Geheimdienst im Bunde gewesen sein. Ebenfalls verdächtigt wurden die Mafia, Kubaner und Exilkubaner, das FBI. Auch die Behauptung, Kennedys ehrgeiziger Nachfolger Lyndon B. Johnson stecke hinter dem Mord, hält sich bis heute. Oder schalteten CIA und Pentagon Kennedy aus, um zu verhindern, dass er Truppen aus Vietnam abzog? 2021 sollen letzte Geheimakten über die Tat veröffentlicht werden. Dass sie die Verschwörungstheorien verstummen lassen – unwahrscheinlich.

„Papisten-Verschwörung“: Katholiken wollen den König töten

Foto (C): Bridgeman Images

Der englische Kleriker Titus Oates ist ein Versager: als anglikanischer Priester gescheitert; konvertiert, aber auch bei den Jesuiten wegen Unfähigkeit rausgeworfen. Oates will Rache: 1678 verbreitet er das Gerücht, die Katholiken („Papisten“ genannt), allen voran die Jesuiten, wollten König Karl II. ermorden und einen Katholiken auf den Thron setzen. Seine erfundene „Papisten-Verschwörung“ zieht Kreise: Oates denunziert Adlige, Geistliche, den Leibarzt des Königs. Bald glaubt ihm sogar das Parlament. 1678 werden alle Katholiken aus London verbannt, Unschuldige hingerichtet. Karl II., der Oates nicht glaubt, wird in einen drei Jahre währenden Machtkampf mit dem Parlament verwickelt. Als Oates aber sogar den König des Verrats bezichtigt, ist Schluss: Der Lügner landet im Tower, muss einmal im Jahr an den Pranger und wird anschließend ausgepeitscht. 1705 stirbt er, mittlerweile entlassen. Den Katholiken aber haftet noch sehr lang der Makel der Verräter an.

Chemtrails: Gift vom Himmel

Foto (C): romanb321 – stock.adobe.com

Ein Flieger, der helle Streifen über den Himmel zieht – manche sehen darin etwas höchst Bedrohliches: „Chemtrails“, gezielt in der Atmosphäre versprühte Chemikalien, die das Klima verändern oder gar die Bevölkerung vergiften sollen. Dahinter steckt angeblich ein Programm mehrerer Regierungen. Erste Gerüchte dieser Art kamen Ende der 1990er-Jahre auf. Das Bundesumweltamt, der Deutsche Wetterdienst, das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt verweisen darauf, dass es keine wissenschaftlichen Belege für Chemtrails gibt. Tatsächlich entstehen die Streifen am Himmel, weil Flugzeuge Abgase ausstoßen, deren Partikel als Kondensationskerne wirken, an denen Wassertropfen zu Eiskristallen gefrieren. So entstehen Kondensstreifen, die sich zu Zirruswolken wandeln können. Aber nicht zu Giftspritzen.

Kontrolle per Radar

Foto (C): Gavin Zeigler / Alamy Stock Photo

Die Radarstation Camp Hero auf Long Island bei Montauk (New York) ist seit 1969 geschlossen. Trotzdem gibt es Gerüchte, dass die Anlage noch lange funkte – um die Gedanken von Amerikas Bevölkerung zu kontrollieren. Weitere angebliche Versuchsfelder des „Montauk-Projekts“: die Erschaffung von Zeitreisetunneln und Experimente zur Unsichtbarkeit.

Die Dolchstoßlüge

Foto (C): akg-images

Die Niederlage der Deutschen im Ersten Weltkrieg, die die Oberste Heeresleitung am 2. Oktober 1918 öffentlich einräumen musste, war ein Schock für die Bevölkerung – nach all den Siegesmeldungen bis fast zum Schluss. Schuldige mussten her! Paul von Hindenburg und Erich Ludendorff fanden sie im Inneren: Das deutsche Heer (in Wahrheit völlig zermürbt) sei „im Felde unbesiegt“ gewesen, aber daheim seien den Soldaten Saboteure, Streikende und Friedensinitiativen in den Rücken gefallen – gleich einem Dolchstoß von hinten. Vor allem rechte Parteien nutzten diese Lüge, um Gegner zu diskreditieren: 1924 zeigt ein Plakat (o.), wie ein Sozialdemokrat einen Soldaten erdolcht. Mit der Zeit bekommt die Dolchstoßlegende zunehmend antisemitische Züge: Von der Niederlage habe vor allem eine Gruppe profitiert – das „internationale Judentum“.

Der Artikel ist in der Ausgabe 06/2021 von P.M. History erschienen.

Was steckt hinter dem Werwolf-Mythos?

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