Die Evolutionsmedizin gibt Einblicke, welche evolutionären Entwicklungen den Menschen für bestimmte Erkrankungen anfällig machen und wie man diese Erkenntnisse nutzen kann

Die Frage nach dem Begriff der Evolutionsmedizin lässt sich am besten mit einer anderen Frage beantworten: Warum werden wir krank? Die natürliche Selektion, die der Evolution zugrunde liegt, hat offenbar nicht verhindert, dass wir, so wie unsere Urahnen auch, anfällig sind für Leiden: seltene Erbkrankheiten wie Mukoviszidose, Infektionen durch Viren, Bakterien oder Pilze, Krebserkrankungen oder Rückenschmerzen, die uns meist im Alter zu schaffen machen.

Mukoviszidose beispielsweise kann bekommen, wer von beiden Elternteilen eine Mutation auf einem einzelnen Gen, dem CFTR-Gen, geerbt hat. Eine weit verbreitete Genmutation: Jeder 25. Mensch europäischer Abstammung gilt als Träger. Wissenschaftler vermuten, dass die Mutation nicht verschwunden ist, da sie auch einen Vorteil haben kann. Es geht um den Schutz vor einer Infektion mit dem Typhuserreger, der Menschen schon seit mehr als 10000 Jahren befallen kann und an dem auch heute noch jedes Jahr mehr als 100000 Menschen weltweit sterben.

Evolutionsmedizin ist ein Fachgebiet, das zur Erklärung von Krankheitsursachen beiträgt

Auch unser Immunsystem ist ein Beispiel dafür, wie untrennbar Gesundheit und Krankheit miteinander ver­bunden sind. Neuere Forschungen zeigen, dass Menschen mit variantenreichen Immungenen eine schlagkräftige Körperabwehr haben. Sie erkennt besonders viele Krankheitserreger und kann sie gezielt bekämpfen. Auf der anderen Seite steigt mit der Diversität die Gefahr, dass sich die Immunantwort gegen körpereigene Zellen wendet – eine Autoimmunkrankheit wie eine bestimmte Form von Diabetes, der Typ-1-Diabetes, kann die Folge sein. Die Balance zwischen Krankheit und Gesundheit ist offenbar ein Ergebnis der Evolution.

Wir wollen wissen, warum manche Teile des menschlichen Körpers so fehleranfällig sind und warum wir diese und keine anderen Krankheiten bekommen.

Randolph M. Nesse, Mediziner & und George C. Williams, Evolutionsbiologe in dem Buch »Warum wir krank werden« (1994)

Geleitet durch die Ideen Charles Darwins versucht die Evolutionsmedizin, diese Zusammenhänge für die Behandlung von Krankheiten nutzbar zu machen. »Wir wollen wissen, warum manche Teile des menschlichen Körpers so fehleranfällig sind und warum wir diese und keine anderen Krankheiten bekommen«, schrieben der Mediziner Randolph M. Nesse und der Evolutionsbiologe George C. Williams 1994 in ihrem Buch »Warum wir krank werden«. Sie prägten die Begriffe »Darwinian Medicine« oder Evolutionsmedizin.

(Text: Astrid Viciano)

Der Text ist in P.M. Fragen & Antworten Ausgabe 09/2020 erschienen.

Gibt es bei Menschen noch Evolution?

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