Jahrzehntelang hieß es, der Bundesnachrichtendienst (BND) hätte schlicht keine konkreten Informationen über die Planungen in der DDR gehabt. Doch das stimmt so nicht, wie BND-Akten belegen.

(Text: Manuel Opitz)

Berlin am Sonntag, 13. August 1961, kurz nach ein Uhr morgens: Bewaffnete Grenzsoldaten der DDR reißen Straßenpflaster auf, schichten Asphaltstücke zu Barrikaden, ziehen Stacheldrahtverhaue. Die bisher offene Grenze zwischen den drei westlichen und dem sowjetischen Sektor Berlins wird schlagartig unpassierbar. In der Nacht vom 17. zum 18. August ersetzen die Einheiten den Stacheldraht durch eine Mauer mit Hohlblocksteinen. Damit ist die Grenze endgültig dicht, die Berliner Mauer steht, das letzte Schlupfloch in den Westen ist geschlossen.

Ein Informant kündigt die Schließung der Grenze an

Der Mauerbau vor 60 Jahren zementierte die Teilung Deutschlands und löste in weiten Teilen der Bevölkerung Empörung aus. »Der Osten handelt – der Westen tut NICHTS!«, titelte die »Bild«-Zeitung am 16. August. Offenbar waren die Bundesregierung und die Westmächte völlig überrumpelt. Jahrzehntelang hieß es, der Bundesnachrichtendienst (BND) hätte schlicht keine konkreten Informationen über die Planungen in der DDR gehabt. Doch das stimmt so nicht, wie BND-Akten belegen.

So stellte der Nachrichtendienst Ende Juni 1961 fest, dass die Volkspolizei in Berlin verstärkt wurde, und nannte als mutmaßlichen Grund die »Regelung der Berlin-Frage«. Am 1. August meldete der BND die bevorstehende Unterbrechung des S-Bahn- und U-Bahn-Verkehrs. Und am 11. August erreichte ihn ein geheimes Fernschreiben (Nr. 4288) mit dem Betreff »Schließung der Sektorengrenzen«. Darin berichtet ein Informant mit dem Decknamen »Norman«, dass »Maßnahmen vorbereitet werden, die Sektorgrenzen zwischen dem 12. und 18. August 1961 zu schließen, um den nicht mehr kontrollierbaren Flüchtlingsstrom zu unterbinden«. In einem weiteren Schreiben am gleichen Tag hieß es, die »Abriegelung der Stadt« stehe unmittelbar bevor. Der BND hatte also durchaus ein Bild von den Vorgängen in der DDR.

»Das ist keine sehr schöne Lösung, aber eine Mauer ist verdammt noch mal besser als ein Krieg.«

John F. Kennedy

Aus den Akten geht allerdings nicht hervor, ob diese Informationen bis zu den Spitzenpolitikern vorgedrungen oder im Staatsapparat versickert sind. Willy Brandt, Regierender Bürgermeister von Berlin, gab an, keinerlei Hinweise von Geheimdiensten bekommen zu haben.

Selbst wenn die Bundesregierung oder die Westmächte Kenntnisse über die Abriegelung Berlins gehabt hätten: Den Mauerbau hätten sie kaum verhindert. Die Westmächte wollten den Kalten Krieg mit der Sowjetunion nicht eskalieren. Zudem sahen sie ihre Position in West-Berlin nicht betroffen – und betrachteten den Mauerbau als innersowjetische Angelegenheit. So ließ US-Präsident John F. Kennedy intern verlauten: »Das ist keine sehr schöne Lösung, aber eine Mauer ist verdammt noch mal besser als ein Krieg.«

Der Artikel ist in der Ausgabe 08/2021 von P.M. Fragen & Antworten erschienen.

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