Gähnen ist ansteckend: Viele Menschen müssen schon gähnen, wenn sie nur daran denken oder davon lesen. Aber auch Tiere müssen gähnen…

Egal ob Katze, Affe oder Nagetier: Alle Säugetiere gähnen, und wahrscheinlich nicht nur sie – angeblich wurden sogar schon Ameisen beim Gähnen ertappt. Aber niemand gähnt so lange und ausgiebig wie der Mensch. Das hat der New ­Yorker Psychologe und Chasmologe (»Gähnforscher«) Andrew Gallup herausgefunden: Sechs Sekunden am Stück gähnen, das macht uns keine der 19 untersuchten Arten nach. Aber wie findet man so etwas heraus? Der Wissenschaftler hat die Videoplattform Youtube durchforstet. Wegen der verblüffenden Gemeinsamkeit ergötzen sich Menschen an gähnenden Tieren und filmen sie gern dabei, weshalb es im Netz an Studienmaterial nicht mangelt. Wie sich herausstellte, gehören neben den Menschen auch Menschenaffen zu den Lang-Gähnern. Außerdem zeichnen sich Primaten generell durch die größte Variationsbreite beim Gähnen aus – im Gegensatz zu den meisten anderen Tieren gähnen sie nicht immer gleich lang. Tiere wie Hund, Katze und Pferd kommen auf eine mittlere Dauer von etwa drei Sekunden, Mäuse klappen schon nach einer knappen ­Sekunde ihr Schnäuzchen wieder zu.

Wir gähnen nicht nur bei Müdigkeit, sondern auch bei Langeweile, Hunger oder Stress

Seit Langem bemühen sich Forscher, den Grund für den Gähnzwang zu erkennen, der offenbar so elementar ist, dass er die unterschiedlichsten Lebewesen befällt. Die Hypothese, das Gehirn würde auf diese Weise mit Sauerstoff versorgt, gilt als widerlegt. Stattdessen scheint das Gähnen wichtig zu sein, um heiß gelaufene Gehirne zu kühlen. Forscher Gallup konnte beweisen, dass Ratten mit dem Gähnen beginnen, wenn die Temperatur unter ihrer Schädeldecke ansteigt. Danach ist tatsächlich die kühlere »Betriebstemperatur« wieder erreicht. Je komplexer und größer ein Gehirn ist, desto intensiver muss es offenbar gekühlt werden – durch längeres Gähnen zum Beispiel.

(Text: Minerva Fois)

Dieser Artikel ist in P.M. Fragen & Antworten 07/2020 erschienen.

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