Die Zeichnung ist riesig, sticht aber nicht sofort ins Auge. Der geheimnisvolle Marree Man ist nämlich erst aus der Vogelperspektive sichtbar

Am 26. Juni 1998 wird er bei einem Kontrollflug entdeckt: Auf einem Erdplateau prangt urplötzlich ein riesiger Geoglyph – so nennt man in den Erdboden eingravierte Zeichnungen. Dargestellt ist ein majestätischer Aboriginal-Krieger, der gerade einen Stock wirft. Rund 4,2 Kilometer vom Scheitel bis zur Sohle misst die Figur in Südaustralien, etwa 700 Kilometer nördlich von Adelaide. Nach dem nächstgelegenen Ort heißt sie »Marree Man«.

Nach seiner Entdeckung avancierte der Marree Man rasch zur international beliebten Sehenswürdigkeit. Auch die US-Raumfahrtorganisation Nasa hat mehrfach Satellitenfotos des Kriegerbildnisses veröffentlicht: Aus mehr als 700 Kilometer Höhe ist es perfekt zu erkennen. Mithilfe der Satellitenaufnahmen lässt sich die Entstehungszeit eingrenzen: Auf einer Aufnahme vom 27. Mai 1998 war noch nichts zu sehen. Am 12. Juni dagegen erscheint der Mann bereits in voller Pracht.

Der »Marree Man« er wird auch »Stuart’s Giant« bezeichnet

Das eigentliche Faszinosum bleibt jedoch die mysteriöse Urheberschaft. Weil die Umrisse der imposanten Figur aus einem 35 Meter breiten und 30 Zentimeter tiefen Streifen bestehen, muss schweres Gerät im Einsatz gewesen sein. Trotzdem hat niemand die Arbeiten bemerkt. Nach der Entdeckung tauchten ein paar verworrene Fax-Sendungen und Pressemitteilungen ohne Absender auf. Wegen der Wortwahl darin keimte folgende Hypothese auf: Der stattliche Krieger könnte ein Abschiedsgeschenk der US-Militäreinheit sein, die Anfang der 1990er-Jahre die Gegend verließ.

Plausibler klingt Erklärung Nummer zwei: In Alice Springs, der einzigen größeren Stadt im australischen Outback, lebte der verschrobene Künstler Bardius Goldberg. Dieser soll im Freundeskreis Pläne für ein überdimensioniertes Kunstwerk vorgezeigt und einen großzügigen Sponsor erwähnt haben. Doch Goldberg ist 2002 verstorben. Gut möglich, dass das Geheimnis nie gelüftet wird. Der besonderen Ausstrahlung des Marree Man tut das keinen Abbruch – im Gegenteil. Und auch die Höllenfeuer des australischen Sommers 2019/2020 erreichten diese karge Gegend nicht.

(Text: Minerva Fois)

Dieser Artikel ist in P.M. Fragen & Antworten 07/2020 erschienen.

Warum ist die "Vasa" nicht verrottet?

P.M. History
ANZEIGE

P.M. History

Historische Epochen, Ereignisse und Personen im großen Geschichtsmagazin.

Jetzt bestellen