Schon lange bevor es soziale Medien gab, eskalierten Konflikte zu öffentlichen Schmierkampagnen. Opfer einer solchen wurde auch Heinrich Heine

Es war ein Dichterstreit im 19. Jahrhundert, die sogenannte Platen-Affäre, der bereits viele Merkmale moderner »Shitstorms« trug: ein Streit, der innerhalb eines kleinen Zirkels von Menschen ausbricht, schaukelt sich hoch, zieht immer weitere Kreise in der Öffentlichkeit und endet für mindestens einen der Kontrahenten katastrophal.

Zum Ausgangspunkt der Platen-Affäre wurde der Streit um eine Reimform, die damals gerade in Mode war. Heinrich Heine veröffentlichte 1827 Spottverse seines Freundes Carl Leberecht Immermann, die sich darüber lustig machten, Gedichte nach orientalischer Art zu schreiben, der sogenannten Ghasele. Nur weil der »alte Dichter« – gemeint war Goethe – es mache, sollten gewöhnliche Poeten es ihm nicht nachtun. August Graf von Platen, der diese Reimform liebte, fühlte sich angegriffen, schrieb ein antisemitisch eingefärbtes Lustspiel und machte damit Heines jüdische Herkunft publik. 

Am Ende wandern beide Kontrahenten aus

Dieser hatte sich protestantisch taufen lassen, um im Staatsdienst Karriere machen zu können: Er hatte auf eine Professur an der Universität München gehofft. Doch nun machte der öffentliche Druck seine Chancen zunichte. Wütend diskreditierte Heine daraufhin von Platen (und noch andere Dichter wie August Wilhelm Iffland) als Homosexuellen: Er bezeichnete Platen als »warmen Freund«, der »noch nie ein Weib berührt« habe. Im 19. Jahrhundert waren solche Anschuldigungen existenzbedrohend. Beide Beteiligte verließen Deutschland. Heine ging 1831 für immer nach Paris, Graf Platen kehrte von einer Italienreise nicht mehr nach Deutschland zurück. Heine selbst sprach später von einem »Vernichtungskrieg« – und das alles wegen einer Reimform.

(Text: Stefan Maiwald)

Der Artikel ist in der Ausgabe 12/2020 von P.M. Fragen & Antworten erschienen.

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