Auf dem Rücken von Pferden hat der Mensch die Welt erobert. Paläogenetiker erforschen, wo und wann unsere Ahnen die Vierbeiner erstmals zähmten.

Autorin: Katrin Blawat

Es muss ein denkwürdiger Augenblick gewesen sein, damals in der Jungsteinzeit. Zwei Wesen standen sich gegenüber, die wenig miteinander gemein hatten: Das eine auf vier Beinen, stets zur Flucht bereit und am liebsten allem Ärger aus dem Weg gehend. Das andere ein Zweibeiner mit einem nahezu unstillbaren Hunger nach Expansion, in räumlicher wie in geistiger Hinsicht. Weniger kompatible Partner kann man sich kaum ausmalen. Und doch passierte das Unvorstellbare: Mensch und Pferd schlossen einen Pakt. Fortan schritten, trabten und galoppierten sie gemeinsam durch die Welt.

Ludovic Orlando von der Universität Toulouse, einer der maßgeblichen Forscher auf diesem Gebiet, nennt die Zähmung des Pferdes ein »zentrales Ereignis in der Menschheitsgeschichte“. Equus caballus hat Homo sapiens begleitet und geprägt: Sei es in Schlachten, in der Küche oder in einer Ackerfurche. Vieles andere rund um den Ursprung des Hauspferdes lag jedoch lange im Dunkeln. Zuvorderst die Frage: Wo auf der Welt haben Mensch und Pferd erstmals begriffen, dass der eine dem anderen nützen könnte? In welcher Steppenregion sind sie sich so nahe gekommen, dass die Domestikation begann?

Jahrtausende alte Pferde-DNA bringt Licht ins Dunkel

Inzwischen steht der Zeitpunkt der ersten Domestizierung einigermaßen fest. Wie Forscher aus der Analyse fossiler und heutiger Pferdegenome rekonstruiert haben, begann sie vermutlich vor etwa 5500 Jahren. Aber wo: in der Region Pontokaspis in der Eurasischen Steppe? Im heutigen Ungarn? Oder im Nahen Osten?

Um das Rätsel zu lösen, arbeiten Biologen, Archäologen und Archäogenetiker weltweit zusammen. Noch haben sie viele Fragen. »Reiterkulturen waren gegenüber Fußgängern klar im Vorteil und breiteten sich rasant aus«, sagt Arne Ludwig vom Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung in Berlin. »Damit verwischen sich eindeutige Spuren.« Dabei erschien die Sache bis vor Kurzem recht klar. Als weltweit erste Pferdeflüsterer galten die Angehörigen der Botai-Kultur in der kasachischen Steppe. Sie hätten, so ging die Geschichte, vor 5500 Jahren Wildpferde gezähmt.

Reiterkulturen breiteten sich rasant aus. Damit verwischen sich eindeutige Spuren.

Arne Ludwig, Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung in Berlin

Nach Ansicht von Wissenschaftlern um Orlando und Ludwig jedoch trifft nur der erste Teil dieser Rekonstruktion zu. Zwar entwickelten sich die ersten Hauspferde tatsächlich in der Botai-Kultur. Doch deren Nachfahren seien keineswegs unsere modernen Reittiere – sondern die aus Zoos bekannten Przewalski-Pferde. Sie »repräsentieren das lebende Erbe von mehr als fünf Jahr-tausenden der Pferdezucht«, schreibt Orlando in einer Übersichtsarbeit. Es war eine überraschende Wendung. Und eine, die mancherorts zumindest zweifelnd aufgenommen wurde. Schließlich galten Przewalskis bis dahin als die letzten noch lebenden echten Wildpferde.

Orlandos Studie zufolge trügt die urtümliche Anmutung der sandfarbenen Pferde mit der schwarz-weißen Stehmähne: Sie seien verwilderte Hauspferde, ähnlich wie die Mustangs in den USA. Auch auf der Iberischen Halbinsel und in Sibirien lebten domestizierte Pferde – die sich aber jeweils nicht lange hielten. Vor etwa 4000 Jahren starben beide Linien aus. Als Urahnen des modernen Hauspferds kommen sie deshalb nicht infrage.

Bereits die ersten Reitervölker betrieben gezielte Zucht

So steht zwar heute fest, wann Pferde zum ersten Mal gefügig gemacht wurden. Aber wer die Vorfahren der Trakehner oder Hannoveraner sind, jener Pferderassen, die sich auf deutschen Weiden tummeln, ist nach wie vor ungeklärt.

Wo auch immer der »kentaurische Pakt« (so nennt es der Historiker Ulrich Raulff in seinem Buch »Das letzte Jahrhundert der Pferde«) seinen Anfang genommen hat: Sobald er besiegelt war, begann der Mensch, den neuen Partner nach seinen Bedürfnissen zu formen. Genom-Analysen haben gezeigt, dass die Menschen Pferde von Beginn an nicht bloß vermehrt, sondern gezielt für ihre Zwecke gezüchtet haben. Bereits die Skythen, ein Volk begnadeter Reiter, paarten ihre Pferde gezielt. Sie wollten starke, leistungsfähige, edel anmutende und umgängliche Tiere, die entweder auf der Langstrecke oder im Sprint glänzten.

Von diesem Zeitpunkt an waren die Geschicke von Pferd und Mensch untrennbar verbunden. »Pferde revolutionierten nicht nur unsere Art des Reisens, sondern auch die Art, wie unsere Gene, Krankheiten, Güter und Sprachen über den Planeten zirkulierten und so die Welt erstmals globalisierten«, schreibt Orlando. »Es gibt keine historische Schlüsselfigur – von Alexander dem Großen bis Napoleon –, die man sich ohne Pferd vorstellen kann.«

Mehr über die besondere Beziehung von Mensch und Pferd lesen Sie in Ausgabe 12/2020 des P.M. Magazins.

Wie zähmt man Wildpferde?

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