Rund 30.000 Tierarten leben in den Alpen. Doch dieser hochsensible Lebensraum wandelt sich. Wie steht es um seine Bewohner wie den Alpensteinbock? Lesen Sie einen Auszug aus der Titelgeschichte von P.M. Fragen & Antworten 08/2020

Hoch sollen sie leben, die Alpensteinböcke! In Gebirgslagen von bis zu 3500 Metern sind sie zu Hause – allerdings, Ende des 19. Jahrhunderts, längst nicht mehr in der Schweiz. Bis zur Ausrottung hatte man die Böcke und Geißen gejagt, oft aus magischen Motiven. Die Menschen glaubten etwa, die Sehne des Herzmuskels mache unverwundbar. Fast jedem Körperteil schrieben sie Heilkräfte zu, und darüber hinaus galt das Fleisch der Tiere als Köstlichkeit. So geriet das Steinwild unter Dauerbeschuss – bis die Schweiz um 1850 keinen Bock mehr hatte. Die weltletzten reinrassigen Vertreter lebten in Norditalien, unter royaler Aufsicht von König Viktor Emanuel II.

Doch dann war da Robert Mader, ein Hotelier und Mäzen aus St. Gallen, der es sich in seinen Kopf gesetzt hatte, das Steinwild zurück in die Schweiz zu holen. Weil das Nachbarland zu keinem offiziellen »Wildwechsel« bereit war, nahm Mader illegale Bergpfade. Im Jahr 1906 heuerte er den Wilderer Joseph Bérard an, der königliche Kitze stahl. In Kisten schmuggelte er die Tiere über die Alpen, nach und nach mehr als 50 Stück. Mader brachte sie in einem Wildpark unter und ließ die ersten »Felsenfesten« im Jahr 1911 auswildern.

Die genetische Vielfalt der Steinböcke ist gering

Heutzutage gibt es im gesamten Alpenraum mehr als 50000 Steinböcke. Sie alle sind Nachfahren der royalen »Ur-Herde« aus dem Gran-Paradiso-Gebiet. Und das bedeutet: »Die genetische Vielfalt der Alpensteinböcke ist sehr gering. Sie ist geringer als die der Sibirischen Tiger, von denen es in den 1940er-Jahren nur noch 50 Individuen gab«, sagt die Biologin Iris Biebach, die über die Populationsgenetik der Alpensteinböcke in der Schweiz promoviert hat. Die Population an der Benediktenwand in Bayern geht laut Biebach vermutlich auf gerade einmal sechs Tiere zurück. »Allgemein reduziert geringe genetische Vielfalt die Anpassungsfähigkeit an veränderte Umweltbedingungen«, sagt Biebach. »Eine Population mit hoher genetischer Vielfalt ist zum Beispiel besser gegen neue Krankheitserreger gerüstet.« Und die Inzucht, also das Paaren innerhalb einer Population, bereitet weitere Probleme: Im Gran-Paradiso-Gebiet werden Steinböcke seit 1999 in einer Langzeitstudie untersucht. Dabei zeigte sich unter anderem, dass Böcke mit höherem Inzuchtgrad leichter sind und stärker von Parasiten befallen, zudem ist ihr Hornwachstum geringer.

Nur die dominanten Herren setzen sich durch

Letzteres lässt die Böcke auch in der internen Rangfolge sinken – und das beeinträchtigt ihren Fortpflanzungserfolg. Schließlich setzen sich bei den Rangrangeleien vor der Paarung nur die dominanten Herren durch. Womöglich wird sich ein reduziertes Populationswachstum erst in Jahrzehnten oder gar Jahrhunderten zeigen, denn die Generationszeit ist bei Alpensteinböcken mit acht Jahren relativ lang. Um Steinbockpopulationen genetisch möglichst gut für die Zukunft zu rüsten, schauen die Forscher, welche Steinböcke sie an welchen Ort umziehen lassen, um einzelne Gruppen aufzustocken.

(Text: Barbara Lich)

Mehr zu den Wildtieren in den Alpen in unserer Titelgeschichte von P.M. Fragen & Antworten 08/2020.

Warum klettern Steinböcke auf einen Staudamm?

P.M. Magazin
ANZEIGE

P.M. Magazin

Spannende Berichte aus Forschung und Technik von heute und morgen.

Jetzt bestellen