Nach dem Ende des Koreakriegs ist der Süden einer der ärmsten Staaten der Erde, doch unter der Führung eines Militärdiktators beginnt die schwindelerregende Industrialisierung des Landes. Davon profitiert auch ein Unternehmen, das heute als Synonym für Hightech gilt: Samsung

Text: Joachim Telgenbüscher

Ganz gleich, welche Geschichte man erzählen will – jene des höchsten Gebäudes der Welt, des Burj Khalifa in Dubai, die des größten Containerfrachters oder des meistverkauften Smartphones – wenn man es ernst nimmt und bis zu den Ursprüngen zurückgeht, dann muss man mit Trockenfisch beginnen.

Es war im März 1938 und Korea von den Japanern besetzt, als der 28-jährige Lee Byung-chull in Daegu sein gesamtes Startkapital von 30 000 Won (umgerechnet kaum mehr als 20 Euro) in ein neues Geschäft investierte. Sein Plan: einheimische Lebensmittel wie etwa Trockenfisch zu exportieren. Inspiriert vom japanischen Konzern Mitsubishi („Drei Rauten“) nannte er es „Drei Sterne“. Koreanisch: Samsung.

Eine einfache Idee führt zu einem der größten Unternehmen der Welt

Heute ist Lees Handelsfirma ein Gigant. Das laut dem Wirtschaftsmagazin „Fortune“ zwölftgrößte Unternehmen der Welt mit einem Umsatz von rund 200 Milliarden Euro und mehr als 300 000 Beschäftigten. Ein Konglomerat aus etlichen Tochterfirmen, die Werften betreiben, Hochhäuser bauen und Hightech-Elektronik herstellen. Die oben erwähnten Superlative? Alle von Samsung. Die Produktionspalette der Firma liest sich wie ein Inventar unserer modernen Konsumgesellschaft.

Das ist eigentlich schon bemerkenswert genug. Doch der Aufstieg von Lee Byung-chulls Schöpfung zum Global Player ist mit einer noch erstaunlicheren Verwandlung verknüpft. Sie hat Lees Triumph erst möglich gemacht: Südkoreas Metamorphose von einem der ärmsten Länder der Erde in eine Wirtschaftssupermacht. Dem „Wunder vom Hangang“, wie man es auch nennt (nach jenem Fluss, der durch Seoul fließt). Es liegt nahe, darin eine Parallele zum Wirtschaftswunder der jungen Bundesrepublik zu erkennen – dieser Vergleich hinkt jedoch. Die Industrialisierung Südkoreas erscheint vielleicht wie ein Märchen, aber es war keines.

„Das Wunder von Hangang“ war das Werk eines Diktators

Uns, die mit den Bildern aus dem tristen Nordkorea aufgewachsen sind, mag es überraschen, dass der Süden nach dem Zweiten Weltkrieg die schlechteren Startbedingungen hatte. Die Bodenschätze lagen im Norden, und auch die Fabriken konzentrierten sich dort. Die Kolonialherren hatten sie logischerweise in der Nähe der Rohstoffquellen errichtet. Nur eines gab es im Süden genug: Menschen. Schon vor dem Koreakrieg flohen Hunderttausende aus dem Reich der Kims.

Der Bruderkampf hinterließ ein verheertes Land. Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf betrug Ende der 1950er-Jahre kaum 100 Dollar – weniger als in afrikanischen Staaten wie dem Tschad. Regiert wurde Südkorea vom korrupten Präsidenten Rhee Syng-man, der sich nur dank US-amerikanischer Protektion halten konnte. Doch im Frühling 1960 regte sich Widerstand. Als der Protest eskalierte, ließ Rhee auf die Menge schießen. Das war zu viel – selbst für die Kalten Krieger in Washington.

Das demokratische Experiment, das auf Rhees Sturz folgte, war nur von kurzer Dauer. Schon ein gutes Jahr später – am 16. Mai 1961 – putschte die Armee. Der neue starke Mann im Land hieß General Park Chung-hee. Ausgerechnet dieser Absolvent einer japanischen Militärakademie sollte zum Vater des modernen Südkoreas werden.

Lee Byung-chull hielt sich zum Zeitpunkt des Staatsstreichs in Japan auf. Was er aus der Ferne mit ansah, musste ihn mit großer Sorge erfüllen. Denn auf Befehl der Putschisten wurden Unternehmer, die unter Präsident Rhee gute Geschäfte gemacht hatten, öffentlich als „korrupte Schweine“ gedemütigt. Was hatte dann erst Lee zu befürchten, der schon damals erfolgreichste Industrielle von allen? Mit einer Zuckerraffinerie und Textilfabriken hatte der Samsung-Gründer nach dem Krieg ein Vermögen verdient. Das neue Regime warf ihm Steuerhinterziehung vor, trotzdem kehrte Lee in seine Heimat zurück und wurde prompt verhaftet. Die Zeit für den klügsten Deal seiner Karriere war gekommen.

Kooperation oder Gefängnis – Lee spendete dem Staat seinen Besitz

Lee erklärte sich bereit, den Großteil seines Besitzes dem Staat zu „spenden“. Zudem willigte er ein, sich für den Wirtschaftsplan des neuen Diktators starkzumachen. Als Belohnung kam er frei und wurde zum Vorsitzenden des Industriellenbundes ernannt. Die anderen Bosse stellte Park vor die gleiche Wahl: Kooperation oder Gefängnis. Die Entscheidung fiel ihnen nicht schwer.

Nun konnte der General mit seinem Modernisierungsprojekt beginnen. 1962 startete der erste Fünfjahresplan. Das Rezept für den rasanten Aufschwung, der Südkorea bald zweistellige Wachstumsraten bescheren sollte, war im Prinzip simpel: Loyale Firmenchefs, wie Lee Byung-chull, bekamen billige Kredite. Geld hatte Parks Regime genug, unter anderem füllten die USA seine Kassen. Geschickt achtete er darauf, diesen Verbündeten nicht zu verprellen. Um seiner Herrschaft einen zivilen Anstrich zu geben, trat er aus der Armee aus und ließ sich zum Präsidenten wählen. Dank seines Geheimdienstes und der strengen Zensur glaubte er, alles in der Hand zu haben.

Niedrige Löhne und gut ausgebildete Arbeiter machten möglich, dass Unternehmen zu Giganten heranwuchsen

Als Gegenleistung für die Kredite mussten die Bosse auch für den Weltmarkt produzieren und entsprechend konkurrenzfähig werden. Die heimischen Absatzmärkte dagegen blieben durch Zölle vor Rivalen geschützt. Zusammen mit niedrigen Löhnen und einer gut ausgebildeten Arbeiterschaft waren dies die Bedingungen, in denen Familienunternehmen wie Samsung zu Giganten heranwuchsen. Es entstanden mehrere große Mischkonzerne: die Jaebeols („reiche Sippen“). Neben Samsung zählten auch noch Daewoo, Hyundai und Lucky-Goldstar (LG) zu diesem elitären Club.

Lee Byung-chull verstand es, die Situation für sich zu nutzen. In den folgenden Jahren setzte er auf Expansion: 1969 gründete er Samsung Electronics. Im folgenden Jahr begann seine Firma, Fernseher zu produzieren. Bald kamen Kühlschränke und Kassettenrekorder hinzu. 1974 stieg Lee in den Schiffbau ein, eine Branche, die Diktator Park besonders am Herzen lag. Zwei Jahre später lief das millionste TV-Gerät vom Band. Mit den Exporten wuchs auch das Vermögen der Bosse. Sie hatten keinen Grund, sich zu beschweren. Im Gegensatz zu den ärmeren Südkoreanern.

Foto (C): Samsung
Foto (C): Samsung

Im Jahr 1976 produziert Samsung den millionsten Fernseher am Fliessband. Dank der niedrigen Löhne in Südkorea können diese im Westen günstig verkauft werden

Park war zwar kein Kleptokrat wie Rhee, aber er führte sein Land mit eiserner Hand. Um die Löhne zu drücken, wurden freie Gewerkschaften verboten. Die Arbeiter, die den Reichtum der Jaebeols erwirtschafteten, lebten oft in unternehmenseigenen Wohnheimen, die Kasernen ähnelten. 60-Stunden-Wochen waren keine Seltenheit. Und so machte sich vor allem in den Städten Unzufriedenheit breit.

Bei den Wahlen des Jahres 1971 entging Park knapp einer Niederlage – obwohl er das System manipulierte! Daraufhin verhängte er das Kriegsrecht. Eine neue Verfassung verlieh ihm wenig später praktisch uneingeschränkte Macht. Den Oppositionspolitiker Kim Dae-jung, der beinahe gegen ihn gewonnen hatte, ließ er entführen und foltern. Nur die Intervention der Amerikaner rettete Kim das Leben.

Auf den Diktator Park folgte die nächste Militärdiktatur

Wegen seines nun offen diktatorischen Führungsstils geriet Park immer stärker in die Kritik. Im Herbst 1979 kam es erneut zu Demonstrationen, die der Präsident notfalls mit Gewalt unterdrücken wollte. Sein Geheimdienstchef sah das anders – und schoss Park am 26. Oktober 1979 eine Kugel in den Kopf. Bis heute ist ungeklärt, was ihn wirklich zu dieser Tat bewogen hat, persönlicher Groll oder politisches Verantwortungsgefühl. Sicher ist: Auf Park folgte die nächste Militärdiktatur. Jeden Protest ließen die Generäle niederschlagen.

Foto (C): Getty Images
Foto (C): Getty Images

Im Mai 1980 schlagen die Generäle demokratische Proteste gewaltsam nieder. Sieben Jahre später geben sie die Macht ab

Und Samsung machte einfach weiter. 1980 stieg man ins Telekommunikationsgeschäft ein und investierte in die Herstellung von Computern und Halbleiterchips. Der ehemalige Lebensmittelhändler Lee Byung-chull war dabei, sein Unternehmen in eine Hightech-Firma zu verwandeln. Doch in seiner Lunge wucherte der Krebs. Als er im November 1987 der Krankheit erlag, war die Gewaltherrschaft Südkoreas bereits Geschichte. Im Sommer hatten Tausende wilde Streiks das Land erschüttert. Diesmal gaben die Generäle nach – nicht nur, weil sie vor den für 1988 geplanten Olympischen Sommerspielen in Seoul kein Blut vergießen wollten, sondern wohl auch, weil die USA klargemacht hatten, dass sie keinen Gewaltexzess tolerieren würden. Die Militärjunta dankte ab, der demokratische Wandel war nicht mehr aufzuhalten. 1997 wurde schließlich jener Kim Dae-jung zum Präsidenten gewählt, den Park einst fast hatte ermorden lassen.

Die Tage der Autokratie hat Südkorea also längst hinter sich gelassen, Samsung aber, das unter dem Diktator Park einst zum Weltkonzern aufstieg, zählt noch immer zu den größten Firmen des Landes. Und an der Spitze steht – offiziell zumindest – noch immer ein Sohn des Gründers, trotz einiger Skandale und Gerichtsverfahren.

Wie hat ein einheimischer Journalist einmal gesagt: „Ein koreanischer Präsident hält nur fünf Jahre, Samsungs Macht aber ist für immer.“

Auf dem Beitragsbild sehen Sie General Park Chung-hee (Mitte). 1961 reißt er die Macht in Südkorea an sich – und entfesselt ein Wirtschaftswunder.

Dieser Artikel ist in P.M. History Ausgabe 9/2019 erschienen.

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