Nicht nur die Lufttemperatur bestimmt, ob wir schwitzen oder frieren. Alle weiteren Einflüsse berücksichtigt ein ausgeklügeltes Modell des Wetterdienstes.

Wenn sich 20 Grad Celsius für uns tatsächlich wie 20 Grad Celsius anfühlen, ist das eher Zufall. Denn neben der Lufttemperatur spielen dafür auch Windgeschwindigkeit, Luftfeuchtigkeit, Sonneneinstrahlung und die Wärmestrahlung von Atmosphäre und Oberflächen wichtige Rollen. Hinzu kommt die eigene Kleidung – und ob man sitzt, geht, rennt oder arbeitet. 

Insofern ist auch die gefühlte Temperatur, wie sie etwa der Deutsche Wetterdienst (DWD) in seinen Vorhersagen angibt, relativ. Doch wenn sie stark von der prognostizierten Lufttemperatur abweicht, gibt sie immerhin einen Anhaltspunkt, einen Schal mitzunehmen oder eine dickere oder dünnere Jacke anzuziehen, als man es sonst getan hätte.

Der „Klima-Michel“ steht Modell für unser Wärmeempfinden

Die einfachste Ermittlung der gefühlten Temperatur gelingt Experten mithilfe des »Windchill-Faktors«, der auf der Abkühlung der Hautoberfläche durch Wind beruht. Hierfür benötigen sie nur die Lufttemperatur, die Windgeschwindigkeit und eine komplizierte Formel. Der DWD geht jedoch noch weiter. Die Hitzewelle in West- und Mitteleuropa, die im Sommer 2003 zu rund 7600 zusätzlichen Todesfällen allein in Deutschland führte, gab den Anstoß für ein Hitzewarnsystem mit weiteren Faktoren, das auf dem Wärmeaustausch des Menschen mit seiner Umgebung beruht. 

Im Mittelpunkt dieses Systems steht der »Klima-Michel«. Dieser Modelldeutsche ist 35 Jahre alt, 1,75 Meter groß, wiegt 75 Kilogramm und hat eine Körperoberfläche von 1,9 Quadratmetern. Er bewegt sich mit vier Kilometern pro Stunde vorwärts, sein Energieumsatz beträgt 172,5 Watt. Im Sommer trägt er ein kurzes Hemd, eine leichte Hose und Sandalen, im Winter unter anderem Stiefel, Mantel und eine Mütze. Jedenfalls kleidet er sich stets so, dass er sich behaglich fühlt, wenn er sich durch eine schattige Umgebung bewegt, etwa einen »Wald, in dem die Temperatur der Umgebungsflächen gleich der Lufttemperatur ist«, so der DWD. 

Nicht alle Menschen sind bei extremer Hitze gleich stark gefährdet

Aus diesem Idealzustand reißen den Klima-Michel nun der Wind und andere Faktoren, die eine Umgebung wärmer oder kälter scheinen lassen. Oder, wie es der DWD ausdrückt: »Die gefühlte Temperatur vergleicht die tatsächlich vorgefundenen äußeren Bedingungen mit der Temperatur, die in einer Standardumgebung herrschen müsste, um ein identisches Wärme-, Behaglichkeits- oder Kältegefühl zu haben.« Spezielle Belastungsklassen erlauben eine gesundheitliche Bewertung der aktuellen Bedingungen.

»Starke Wärmebelastung tritt beispielsweise bei einer gefühlten Temperatur zwischen 32 und 38 Grad Celsius auf«, sagt Andreas Matzarakis vom DWD. Entsprechend können Risikogruppen davor gewarnt werden, sich diesen Temperaturen auszusetzen. Bei älteren Menschen wird eine Warnung vor Extremhitze bereits bei einer gefühlten Temperatur von 36 Grad ausgesprochen.

Frieren Frauen schneller als Männer?

Dem komplexen Klima-Michel-Modell des DWD liegen Dutzende Gleichungen zugrunde. Wie viel Wärme gibt der Mensch ab? Wie hoch ist seine Kerntemperatur, wie hoch die Schweißrate? Auch die Anpassung des Körpers an die Witterungsbedingungen der letzten 30 Tage (Akklimatisation) fließt ein. Matzarakis: »Als einzige Institution weltweit zieht der DWD bei seinem Hitzewarnsystem auch die thermischen Bedingungen in Innenräumen in die Prognosen ein.« Zudem ist zu berücksichtigen: »Die Schwellenwerte für die einzelnen Belastungsklassen unterscheiden sich von Region zu Region, wenn in den letzten 30 Tagen unterschiedliche Witterungsbedingungen geherrscht haben. So sind sie im Sommer im Südwesten Deutschlands in der Regel höher als im Norden.«

Nur dass Frauen oft schneller frieren als Männer, spielt beim Klima-Michel keine Rolle: Eine »Klima-Michaela« wird ihm nicht zur Seite gestellt. Laut DWD wären die Unterschiede zum männlichen Modell zu gering.

(Text: Thomas Röbke)

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