Die ganze Welt war geschockt, als am Abend des 14. April 2019 Bilder von der lichterloh brennenden Notre-Dame im Fernsehen zu sehen waren. Wie wird das Wahrzeichen von Paris nun rekonstruiert?

Noch während die Feuerwehr gegen den Brand in der Kathedrale Notre-Dame ankämpfte, überlegten die Verantwortlichen, ob und wie sie das historische Gemäuer originalgetreu wieder aufbauen könnten. Das Problem: Es gibt keine genauen Bauzeichnungen von der Kirche, die zwischen 1163 und 1345 errichtet wurde.

Nun sammeln die Verantwortlichen weltweit Daten, die verschiedene Stellen angelegt haben. So hatten Experten der Universität Bamberg erst kurz vor dem Brand im Rahmen eines Projekts Farbanalysen des Nord- und Südportals gemacht und 3-D-Scans der Innen- und Außenseite des vom Feuer besonders betroffenen Querhauses erstellt.

Ein Computerspiel als Vorlage

Zudem können Computerspieldaten verwendet werden: Das Action-Spiel »Assassin’s Creed« der französischen Firma Ubisoft spielt zum Teil in der Kirche, und die Programmierer rekonstruierten diese 2014 mit viel Liebe zum Detail in 3-D. Dazu hatte eine Mitarbeiterin zwei Jahre lang die Kathedrale mit all ihren Elementen studiert. Das Ergebnis ist die detaillierteste Nachbildung der Kirche, die vorliegt. Die Firma bot sofort an, die Daten zur Verfügung zu stellen.

Auch beim Raumklang von Notre-Dame gibt es viel Hilfe, er ist berühmt – also wie er sich vor dem Brand anhörte. Die gregorianischen Gesänge wurden dort zur Meisterschaft geführt. Wie durch einen Zauber intensivierte der Bau noch die zartesten Geräusche und zwang Besucher, mit leisen Schritten durch die Kirche zu gehen. Wird der Neubau den Sound des jahrhunderte¬alten Gemäuers reproduzieren können? »Acoustic Researchers« behaupten, bestimmte Raumklänge mittels spezieller Computerprogramme und Untersuchungsmethoden rekonstruieren zu können – sogar Klangwelten, die schon lange nicht mehr existieren.

Im Fall der berühmten Kathedrale erleichtert es die Rekonstruktion der Geräuschwelt, dass Forscher bereits 2013 eine akustische Analyse der Kirche durchgeführt haben. Dazu wurden anhand von Grundrissen, Zeichnungen und 3-D-Scans die Oberflächen des gesamten Innenraums auf ihre Schalleigenschaften untersucht. Solche Akustikmodelle dienen normalerweise zur Klangmodellierung von Konzerthallen.

Wie klang Paris vor hunderten von Jahren?

Der Musikwissenschaftlerin Mylène Pardoen gelang es, den Klang des Pariser Stadtviertels Grand Châtelet um 1730 zu rekonstruieren – auf Grundlage des detaillierten Stadtplans eines Architekten aus dem Jahr 1739. Grafiker entwickelten daraus eine virtuelle Auferstehung des Viertels als Augmented-Reality-¬Anwendung, mit der sich virtuelle Besucher heute in die alten Gassen versetzen können – und Pardoen lieferte dazu den Soundtrack. Dafür hat sie die Bauweise der damaligen Häuser studiert, die Beschaffenheit der Straßenbeläge, die Geschäfte und Handwerke, den Klang von deren Waren und Werkzeugen. Auch die Klangeigenschaften der Bäume und Sträucher im Viertel, die Gesänge seiner damaligen Vogelpopulation, sogar die Materialien der üblichen Fußbekleidung. 70 Geräuschkulissen entstanden so, jede davon mit 50 bis 70 Klängen, die Pardoen im Original zusammensuchte.

Zehn Jahre akribischer Forschung ergaben eine Klangvielfalt, die es heute in europäischen Städten nicht mehr gibt: weil heute anders gelebt, gebaut, gearbeitet, gewohnt wird und Verkehrsgeräusche alles überlagern. Nur Sprache ist in der Châtelet- Soundcollage nicht im Detail zu hören. Niemand weiß, wie französische Dialekte vor zweihundert Jahren klangen. Auch für das Schloss von Versailles entwickelte Mylène Pardoen bereits historische Klangfresken: die des französischen Hofes im 17. Jahrhundert. Nun gehört sie zum Team, das die Kathedrale von Notre-Dame klangvoll wieder auferstehen lassen soll.

Doch trotz aller Hilfe und großzügiger Spenden: Experten bezweifeln, dass Notre-Dame binnen fünf Jahren wieder aufgebaut werden kann, wie Staatspräsident Emmanuel Macron angekündigt hat.

(Text: Holger Diedrich und Jan Berndorff)

Der Text ist in P.M. Fragen & Antworten Ausgabe 08/2020 erschienen.

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