Heute lenken Corona-Ausbrüche die Aufmerksamkeit auf die Bedingungen in den Fleischfabriken. Doch schon vor 150 Jahren lieferten Chicagos Schlachthöfe Skandale.

Es ist eine eintönige und schwere Arbeit. »Da saßen Männer, die die Seiten und den Rücken schabten, und andere, die den Körper innen sauber putzten und auswuschen. Blickte man in den Saal hinunter, sah man eine hundert Meter lange Reihe hängender Tierleiber, die sich langsam vorwärtsbewegte, und alle Meter gab es einen Mann, der werkte, als hetze ihn ein Teufel.« So schildert der Schriftsteller Upton Sinclair die Arbeit in einer Fleischfabrik.

Parallelen zu heutigen Verhältnissen in Fleischfabriken mit schlimmen Arbeitsbedingungen sind unverkennbar. Die detailgetreue Beschreibung stammt aber aus Sinclairs Roman und Bestseller »Der Dschungel«, für den er Anfang des 20. Jahrhunderts sieben Wochen lang in und bei den Schlachthöfen von Chicago arbeitete und lebte.

Die einst größte Fleischfabrik der Welt: Die Union Stock Yards in Chicago

Der Ort seiner Untersuchungen waren die Union Stock Yards von Chicago, die Weihnachten 1865 ihren Betrieb eröffneten und die größte Fleischfabrik der Welt darstellten. Das Gelände war 200 Hektar groß, umgeben von 480 Kilometern Schienennetz, mit Bank und Nobelhotel für Besucher, die sich über das Massenschlachten und -zerlegen am Fließband informieren wollten oder die Yards als Touristenattraktion sahen.

Frisches Fleisch zu Kampfpreisen

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden in den Union Stock Yards etwa 80 Prozent des Fleischbedarfs der USA produziert. 25 000 Arbeiter töteten jährlich Millionen von Kühen und Schweinen. Durch die Erfindung von Kühlwaggons, in denen 1877 zunächst der Boden mit Eis gefüllt war, konnten die Fleischbarone frisches Fleisch in alle Gebiete der USA transportieren und dort zu Kampfpreisen verkaufen. Die lokalen Metzger hatten gegen diese Macht keine Chance. Um eine getötete Kuh zu zerlegen, arbeiteten sie mit ihren Gehilfen einen Tag lang. In Chicagos Schlachthöfen dauerte dies nur noch 15 Minuten. Viele Metzger mussten aufgeben.

Ich zielte mit meinem Roman auf das Herz und auf das Gewissen der Amerikaner, aber ich traf nur ihren Magen.

Upton Sinclair (1878-1968), US-amerikanischer Schriftsteller

Sinclairs Roman mit Schilderungen über schlechte hygienische Zustände sorgte für einen Aufschrei in der Bevölkerung. Der Kongress verabschiedete daraufhin ein neues Lebensmittelgesetz. Dass die Arbeiter, vorwiegend Immigranten aus Polen, Tschechien und Litauen, ausgebeutet wurden und unter gefährlichen Bedingungen arbeiten mussten, das regte kaum jemanden auf. »Ich zielte mit meinem Roman auf das Herz und auf das Gewissen der Amerikaner, aber ich traf nur ihren Magen«, bedauerte Sinclair damals. Heute lenken Corona-Ausbrüche die Aufmerksamkeit auf die Bedingungen in den Fleischfabriken.

(Text: Dieter Möller)

Der Artikel ist in der Ausgabe 10/2020 von P.M. Fragen & Antworten erschienen.

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