Viele Familiennamen sind auf Anhieb verständlich, manche völlig rätselhaft. Eine Bedeutung haben sie alle.

Autorin: Ruth Hoffmann

Vor langer Zeit, als das Wünschen noch half und die Welt für die meisten Menschen allenfalls noch das Nachbardorf umfasste, genügte es völlig, jemanden beim Vornamen zu rufen. Mit wachsender Bevölkerungsdichte aber wurde es immer schwieriger, einen Menschen auf diese Weise zu identifizieren. Hinzu kam, dass bestimmte Rufnamen beliebter waren als andere und so die einstige Vielfalt im Laufe der Zeit verloren ging: Plötzlich gab es im Dorf oder Städtchen gleich mehrere Hildegards, Johanns oder Peter. Um sie auseinanderzuhalten, behalf man sich etwa ab dem Hochmittelalter mit beschreibenden Zusätzen wie »der Lange« oder »der Rote«. Auch die Benennung der Herkunft war ein gängiges Hilfsmittel der Unterscheidung, vor allem bei Zugezogenen – der Beiname war geboren.

Es ging dabei aber nur um die möglichst unverwechselbare Bezeichnung für eine einzelne Person; innerhalb einer Familie hatte jeder zunächst weiter seinen eigenen Namen. Je nach Kontext konnte dieser allerdings wechseln, sodass derselbe Hans mal »der Kahle« und mal »der Bäcker« hieß. Auch karikierende Spitznamen, die Aussehen, Wesenszüge oder typische Verhaltensweisen aufgriffen, waren verbreitet und zeugen vom Spaß der Menschen damals an derbem Spott.

Jeder Name beschrieb einmal Handwerk, Aussehen, Herkunft

Solange man sich untereinander persönlich kannte, funktionierte das System gut. Doch je komplexer die Gesellschaft und das Gemeinwesen wurden, desto mehr stieß es an seine Grenzen. Vor allem für administrative Vorgänge erwies es sich zunehmend als ungeeignet. Steuerzahlungen, Land- oder Hauserwerb beispielsweise ließen sich so nicht verlässlich dokumentieren: Schon nach ein oder zwei Generationen war die zweifelsfreie Zuordnung zu einer Person meist nicht mehr möglich. Ab dem 12. Jahrhundert starb der wechselnde Beiname daher allmählich aus – zugunsten eines amtlich verbindlichen und lebenslang gültigen Familiennamens.

Dieser Prozess begann im Südwesten Deutschlands und verbreitete sich im Laufe des 13. und 14. Jahrhunderts bis in den Norden. Vorreiter waren die aufstrebenden Städte, während die alte Namens-Tradition auf dem dünn besiedelten Land oft noch bis ins 18. Jahrhundert hinein gebräuchlich blieb. Jeder Nachname lässt sich also auf einen Urahn zurückführen, der ihn einmal mit gutem Grund getragen hat – weil er sein Handwerk beschrieb, seine Heimat, sein Aussehen, seine Verwandtschaft oder andere Merkmale, die ihn charakterisierten. Adlige nannten sich gern nach ihrem Landbesitz oder ihrer Burg. Doch das »von« war nicht nur ihnen vorbehalten und stand oft schlicht nur für den Heimatort. Erst im Laufe des 17. Jahrhunderts entwickelte es sich zum Adelsprädikat.

Was machte ein Huber? Und wo lag Kübelböck?

Die ursprüngliche Bedeutung ist in vielen Fällen leicht zu entschlüsseln, vor allem wenn es sich um Berufsbezeichnungen handelt: Die 14 häufigsten deutschen Nachnamen waren die bedeutendsten Berufe des Mittelalters, allen voran Müller, Schmidt (=Schmied) und Schneider.
Schwieriger wird die Deutung, wenn das Wort, auf das sich der Name einst bezog, im heutigen Sprachgebrauch nicht mehr vorkommt oder einen Beruf bezeichnet, der inzwischen ausgestorben ist wie Sauschneider (der Schweine kastrierte) oder Gänseräufer (der Geflügel rupfte). Selbst das so weitverbreitete Meyer ist heute nicht mehr zu verstehen (siehe Kasten). Auch Hufner oder Huber erschließt sich nur, wenn man weiß, dass mit Hufe oder Hube im Mittelalter eine landwirtschaftlich genutzte Parzelle gemeint war.

Veraltete Schreibweisen und mundartliche Begriffe erschweren die Entschlüsselung zusätzlich. Wer seinem Familiennamen auf die Spur kommen will, muss daher unter Umständen Dialektwörterbücher wälzen. Auch regionale Flurnamenbücher können hilfreich sein, weil in ihnen Orte und kleinräumige historische Gemarkungen aufgelistet sind, die heute in keiner Karte mehr zu finden sind. Auf diese Weise lässt sich zum Beispiel ein Name wie Kübelböck nachvollziehen: Seine Verbreitung deutet auf Bayern, wo die Endungen -böck und -beck häufig vorkommen und für -bach stehen. Tatsächlich verzeichnet »Müllers großes deutsches Ortsbuch« von 1938 ein Kübelsbach. Die Vorfahren heutiger Kübelböcks lebten demnach entweder in diesem Ort oder – möglicherweise noch früher – am Kübelbach selbst.

Wer „Kaiser“ heißt, der hat mitnichten blaues Blut

Jeder Familienname bewahrt also ein Stück Geschichte, das oft nur aus dem lokalen Kontext heraus zu verstehen ist. Die Onomastik, die Namensforschung, beschäftigt daher nicht nur Genealogen, sondern auch Linguisten, Kulturwissenschaftler und Historiker. Manche Namen und ihre lokale Verbreitung erzählen von Wanderbewegungen und Fluchten, andere von längst in Vergessenheit geratenen Bräuchen und Redensarten oder von Orten und Wegmarken, die es schon lange nicht mehr gibt.

Einige Namen überliefern noch heute die Charaktereigenschaft eines Vorfahren aus längst vergangenen Tagen: Hasenfuß, Wucherpfennig, Fromm, Schönherz, Wohlgemut. Bei manchen vermeintlich eindeutigen Fällen ist hingegen Vorsicht geboten: Ein Beckenbauer etwa war ein Landwirt, der im Dorf auch das Brot backte. Und wer heute König oder Kaiser heißt, hatte keine blaublütigen Ahnen, sondern wahrscheinlich solche, die als hochnäsig galten. Glücklich, wer da wie die Bundeskanzlerin auf einen nahezu neutralen »patronymischen Namen« verweisen kann, der sich vom Rufnamen des Vaters ableitete. Der Dichter Friedrich Schiller hatte es nicht so gut: Sein Name bedeutet »der Schielende«. Das wusste aber auch vor 250 Jahren schon niemand mehr.

Der Artikel ist in der Ausgabe 01/2020 von P.M. History Spurensuche erschienen.

Wie sind unsere Burgen und Schlösser entstanden? (Teil 1)

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