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Was bringt eine Viertagewoche?

18. März

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Eine Viertagewoche bei vollem Lohn soll das Wohlbefinden der Menschen verbessern. Island hat die verkürzte Woche getestet:

(Text: Dieter Möller)

»Samstags gehört Vati mir«: Mit diesem Slogan startete 1956 die Kampagne für die Fünftagewoche mit einer Arbeitszeit von 40 Stunden. Bis dahin waren 48, 1955 sogar 49 Stunden an sechs Tagen üblich. In Zeiten des steigenden Wohlstands sollte die Fünftagewoche Arbeits- und Lebensbedingungen verbessern. Über 60 Jahre ist das nun her, in denen die damals eingeführte Fünftagewoche als unumstößlicher Maßstab gegolten hat. Doch das könnte sich ändern.

Auf Island endeten im vergangenen Sommer zwei Feldversuche der Regierung. Sie sollten zeigen, ob eine verkürzte Arbeitswoche mit nur vier Tagen bei vollem Lohn zu mehr Wohlbefinden führen kann, ohne die Produktivität zu senken. 2015 begannen etwa 2500 Menschen den ersten Versuch, 2017 folgte ein weiterer mit gut 400 Teilnehmenden. Sie reduzierten ihre Arbeitszeit auf 35 oder 36 Stunden an vier Tagen. Der britische Politikwissenschaftler Jack Kellam wertete das Experiment mit Beschäftigten von Krankenhäusern, Schulen, Kindergärten, Unternehmen und Büros sowie Polizeidienststellen aus.

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Die Viertagewoche als eine von vielen Lösungen?

Weniger Stress, mehr Zeit für Familie, Hobbys und Haushalt, ein glücklicheres Leben – das waren die wesentlichen Anliegen. Und es stellte sich heraus, dass die Teilnehmenden offenbar durch den Gewinn an Lebensqualität tatsächlich in weniger Zeit genauso viel oder sogar mehr Arbeit erledigen konnten. Ein wichtiger Hebel dazu, so Kellam, seien zum Beispiel auch verkürzte Meetings und weniger Kaffeepausen gewesen. Einen wesentlichen Grund für das gesteigerte Wohlbefinden sieht er darin, dass mehr Freizeit zu einem selbstbestimmteren Leben und dadurch zu mehr Zufriedenheit führe. 

Kellam weist darauf hin, dass die Viertagewoche nur eine von vielen Lösungen sei, um Beschäftigte zu entlasten. Arbeitnehmer, die zwei Jobs nachgehen müssten, kämen in der Regel nicht mit weniger als 40 Stunden aus. Ein bedingungsloses Grundeinkommen könne ein weiteres entlastendes Instrument sein. Kritiker bemängeln, dass kein Ökonom an der isländischen Studie beteiligt gewesen sei. Es sei fraglich, ob sich das Konzept auf komplexe Wirtschaftssysteme übertragen lasse. 

Ob sich die Idee über Island hinaus durchsetzt, bleibt abzuwarten. Auf der Insel jedoch haben die Gewerkschaften die Arbeitszeiten neu verhandelt. Für viele Kinder gilt dort nun: Auch freitags gehören Vati und Mutti mir.

Der Artikel ist in der Ausgabe 02/2022 von P.M. Schneller Schlau erschienen.

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